Fragen zu „Die Frucht der Lippen“
Fragen die Aufkommen aus dem Text von Rosenstock-Huessy
Aufgrund der Zusammenfassung von Rosenstock-Huessys Werk „Die Frucht der Lippen“ und meiner eigenen Forschung und Studien möchte ich die folgenden Themen behandeln:
1. Die Reihenfolge der Evangelien
2. Der historische Prozess, von dem die Texte Zeugnis ablegen
3. Der Name Ichthys
4. Der christliche Weg
5. Das Kreuz, das Kreuz der Wirklichkeit
6. Das Kreuz der Wirklichkeit und die Wiederbelebung der Stämme
Ich werde jedes der genannten Themen näher erläutern, um die sich daraus ergebenden Fragen aufzuzeigen.
1. Die Reihenfolge der Evangelien
Rosenstock-Huessy nimmt eine kritische Haltung gegenüber der Evangelienkritik ein, insbesondere gegenüber der Textkritik des 19. Jahrhunderts. Er betrachtet diese als spekulative Konstruktion, die versucht, etwas hinter dem Text zu finden. Was der Text jedoch aussagt, ist im Text selbst enthalten. Die Wahrheit hinter dem Text lässt sich nicht durch bloße Spekulation ergründen. So verhält es sich auch mit Rosenstock-Huessy. Er hält sich hinsichtlich der Entstehungsreihenfolge der Evangelien an die kirchliche Tradition. Möglicherweise geht er dabei als Reaktion zu weit. Text und Kontext stehen stets in Wechselwirkung. Dies gilt sowohl für Rosenstock-Huessy als auch für die Evangelien. Notgedrungen ist Rosenstock-Huessys Text mit kaum 100 Seiten auch recht kurz. Die Frage ist daher: Ist seine Interpretation der Entstehungsreihenfolge der Evangelien korrekt? Die Frage ist auch: Wie verhält sich Rosenstock-Huessys Ansicht zu die laufende Debatte über die Texte der Evangelien? Es ist auch die Frage, inwieweit die neutestamentliche Forschung Rosenstock-Huessys Ansicht bestätigt, dass mit Ausnahme des Johannesevangeliums alle Evangelien vor dem Jahr 70 entstanden sind. All dies beeinflusst unsere Interpretation, und Orientierung an den Evangelien, an Rosenstock-Huessys Werk und an der Frage, ob und inwieweit unsere Geschichte eine Heilsgeschichte ist. Mit anderen Worten: Führt unsere Geschichte irgendwohin?
2. Der von den Texten bezeugte historische Prozess
Laut Rosenstock-Huessy beziehen sich die Evangelien aufeinander. In ihrer jeweiligen Reaktion aufeinander machten sie jeweils den nächsten Schritt. Die Frage ist: Wie sah dieser historische Prozess konkret aus? Er lässt sich nicht beliebig rekonstruieren. Einerseits liefern die Texte selbst Hinweise auf die Abfolge. Doch handelt es sich hierbei stets um Hinweise. Diese können sich so anhäufen, dass sie einer bestimmten Interpretation eine gewisse Selbstverständlichkeit verleihen. Andererseits spielt bei der Datierung ein normatives Element eine Rolle. Im historischen Kontext mag eine Darstellung der gegenseitigen Reaktion der Evangelien glaubwürdiger erscheinen als eine andere. Dies gilt beispielsweise für die Frage, ob Markus Matthäus und Lukas verkürzt hat oder ob Matthäus und Lukas umgekehrt Markus erweitert haben. Diese Frage lässt sich nicht endgültig beantworten, da die Antwort unter anderem von der historischen Glaubwürdigkeit abhängt, die man einer solchen Darstellung beimisst. Es ist daher durchaus möglich, dass der historische Prozess letztlich von der Reihenfolge der Evangelien in der heutigen Bibel abweicht. Dann stellt sich auch die Frage, wie die gegenwärtige biblische Reihenfolge dennoch entstanden sein konnte.
3. Der Name Ichthys
Der Name Ichthys, Jesus, Christus, Sohn Gottes, Erlöser: Laut Rosenstock-Huessy spiegelt er in umgekehrter Reihenfolge die vier wichtigen Schritte wider, die die Evangelien gehen: Johannes war der persönliche Freund Jesu, sie verstanden sich; Lukas stellt Jesus als den Christus und als Beispiel für den Weg dar, dem alle Menschen folgen müssen; Markus stellt Jesus als den Sohn Gottes dar und stellt damit den Leidenden an die Spitze der Hierarchie des Königreichs; Matthäus stellt Jesus als den Erlöser dar. Die Opfer und Außenstehenden gehören seit Christus dazu. Bleibt diese Interpretation gültig, wenn die Reihenfolge der Entstehung der Evangelien von der von Rosenstock-Huessy vorgeschlagenen abweicht?
4. Der christliche Weg
Matthäus als jüdischstes Evangelium könnte dennoch als Versuch einer Rückkehr zum reinen Judentum interpretiert werden. Matthäus distanziert sich nicht vom jüdischen Gesetz und möchte lediglich eine lebensnahe und lebendige Auslegung des Gesetzes. Diese Interpretation heißt Jesus Christus und von Jesus Christus aus wird das Gesetz im Sinne von Matthäus 25 verstanden: die Nackten bekleiden, die Gefangenen besuchen, die Hungrigen speisen. Lukas hingegen lässt den Kampf um die Reinheit des jüdischen Monotheismus hinter sich, indem er den trinitarischen Weg in die Geschichte öffnet. Inwieweit beeinflusst diese Einsicht die Interpretation der Texten die Vorstellung der Reihenfolge der Evangelien?
5. Das Kreuz der Realität
Rosenstock-Huessys These ist, dass das Kreuz Christi die vier Traditionsströme der Antike füreinander zugänglich gemacht hat. Dies rechtfertigt auch die zentrale Stellung des Kreuzes Christi in der Weltgeschichte. In seinem Text in „Die Frucht der Lippen“ fasst er sich – zwangsläufig – kurz. Man darf natürlich nicht vergessen, dass dieser Text im Werk von Rosenstock-Huessy am Ende einer umfassenden Menschheitsgeschichte „Die Sprache des Menschengeschlechts“ steht. Wie lässt sich diese Einsicht näher begründen und was bedeutet sie für die Zukunft, für die christliche Zeit?
6. Das Kreuz der Wirklichkeit und die Wiederbelebung der Stämme
Im Werk von Rosenstock-Huessy nimmt die Rückkehr der Stämme in unsere Zeit, bereits zu seiner Zeit, einen großen Platz ein. Einerseits ist die moderne Gesellschaft Erbe der Kirche, denn ohne eine Ethik der Zusammenarbeit und des langfristigen Engagements ist eine globale Wirtschaft undenkbar. Andererseits erleben viele Menschen in unserer Gesellschaft, dass sie zur Nummer geworden sind und ihre langfristige Orientierung verloren haben. Die natürlichste Reaktion und Lösung auf kurze Sicht ist oft die Identifikation mit einer Gruppe. Dies aber fördert den gegenseitigen Ausschluss. Wie sieht also der weitere Weg aus?