Wenn der Text der Evangelien, die Reihenfolge der Erzählungen und die Wortwahl darauf hindeuten, dass Markus nach Matthäus und nach Lukas verfasst wurde, und wenn Robinson und andere Recht haben, dass auch Markus noch vor 70 n. Chr. in der Zeit der Verfolgungen nach dem Brand Roms im Jahr 64 geschrieben wurde, dann bleibt die Frage: Warum? Markus hat keine Geburtsgeschichten, keine Reden Jesu, er hat einen alltäglichen Sprachstil und es fehlt ihm die Poesie des Matthäus und die schönen Sätze und der Erzählstil des Lukas – wer kommt auf die Idee, ein Evangelium in dieser Form und unter Auslassung solch wichtiger Teile zu schreiben? Hat diese Form des Evangeliums vielleicht auch mit der inhaltlichen Botschaft des Markus zu tun? Musste er es in dieser Form tun? Hat er in der alltäglichen Umgangssprache eine wichtige Botschaft, die in der damaligen in Zeit genau auf diese Weise zum Ausdruck kommen muss? Diese Fragen müssen noch beantwortet werden, denn sie sind für viele ein großes Hindernis, Markus als drittes Evangelium anzuerkennen. Es ist schon eine ziemliche Verschiebung, wenn man, wie ich es in meinem Theologiestudium mit einer gewissen Selbstverständlichkeit gelernt habe, Markus als erstes Evangelium zu betrachten und es nun plötzlich auf den dritten Platz rücken würde. Noch wichtiger als diese Verschiebung auf den dritten Platz ist die Frage: Kommt die Botschaft des Markus durch diese Verschiebung besser zur Geltung? Was ist diese Botschaft?
1. Erst nach Matthäus und nach Lukas kann Markus als Kompromiss zwischen beiden kommen
Es herrscht ein starkes Gruppendenken in Bezug auf Markus: Es sei angeblich ein primitives Evangelium, in Umgangssprache verfasst, mit einem lebhaften Blick fürs Detail, und Matthäus und Lukas hätten sich große Mühe geben müssen, sein raues Griechisch zu verbessern, und dann sei da noch seine anstößige Theologie. Es muss sich wohl um einen ersten Versuch handeln, der verbesserungswürdig ist. So lautet die allgemeine Auffassung. Doch dabei plappert jeder dem anderen nach, und so ist aus einer Forschungshypothese eigentlich ein Dogma und ein unumstößlicher Ausgangspunkt geworden. Man kann in der neutestamentlichen Wissenschaft keine Karriere machen, wenn man dieses Dogma nicht unterschreibt, so Dungan [1].
Er schrieb dies 1983. Inzwischen hat sich allerdings etwas geändert. Die Mehrheit folgt zwar nach wie vor der Zwei-Quellen-Theorie. Das ist richtig. Es ist eigentlich verwunderlich, dass jemand wie Richard Bauckham, so breit orientiert wie er ist, in seinem Buch über die Augenzeugen den Zwei-Evangelien-Ansatz einfach übergeht [2]. Thomas Watson, der ebenfalls kürzlich über die vier Evangelien geschrieben hat, tut die Entstehungsreihenfolge als irrelevant ab [3]. Und auch Geurt Henk van Kooten geht in seinem kürzlich erschienenen Buch über die vier Evangelien sowohl an der Farrer-Hypothese (Markus zuerst, aber Lukas abhängig von Matthäus) als auch am Zwei-Evangelien-Ansatz von Farmer und seinem Team vorbei [4]. Sie sind nicht die Einzigen. Hat sich denn überhaupt etwas geändert? In Joshua R. Porters jüngstem Buch über die Reihenfolge der vier Evangelien werden die vier Hypothesen bezüglich der Reihenfolge und Herkunft der Evangelien ausgewogen nebeneinander gestellt [5]. Die Zwei-Quellen-Theorie (Markus zuerst und Matthäus und Lukas von ihm abhängig), die Farrer-Hypothese (Markus zuerst, aber Lukas abhängig von Matthäus und Markus), die Farmer-Hypothese (zwei Evangelien, Matthäus zuerst, Lukas weitgehend auf Matthäus basierend, Markus eine Vermittlung und Zusammenfassung von (beide) und schließlich gibt es noch die Hypothese, dass alle Evangelien auf frühere, oft mündliche Überlieferungen zurückgehen, die sich gegenseitig bei der Niederschrift beeinflusst haben.
Diese letzte Hypothese habe ich hier weitgehend außer Acht gelassen. Das Team um Farmer hat in seinen Konferenzen in den 70er und 80er Jahren diese Hypothese stets in die Beratungen einbezogen. Robinson ist ein Vertreter dieser Hypothese, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Es ist durchaus möglich und wahrscheinlich, dass mündliche Überlieferungen existierten, die Einfluss auf die Niederschrift hatten. Ich betrachte dies als Ergänzung zur Zwei-Evangelien-Hypothese, die ich für den stichhaltigsten Ansatz halte. Ich halte diese Hypothese in dreierlei Hinsicht für den stichhaltigsten Ansatz: Sie wird, soweit ich das beurteilen kann, einer gründlichen Analyse und einem Vergleich der Texte am besten gerecht (das Team um Farmer ist dabei am weitesten gegangen), sie wird der historischen Entwicklung gerecht, und sie wird auch der Botschaft der vier Evangelien und ihrem Verhältnis zueinander am besten gerecht. Text für Text und Perikope für Perikope hat sich dieses Team mit Lukas und Markus beschäftigt, um festzustellen, worin die Unterschiede bestehen, welche Bedeutung sie haben und wie die historische Reihenfolge möglicherweise ausgesehen hat [6]. Um diese beiden letzten Aspekte, die Geschichte und die theologische Botschaft der Evangelien, geht es in diesem Beitrag vor allem.
Aus der hier zusammengetragenen Literatur ist inzwischen deutlich geworden, wie sehr die Evangelien aufeinander reagieren, aufeinander und auf eine neue Situation, mit der die Autoren konfrontiert sind. Matthäus ist der Erste. Er wendet sich gegen die erstarrte Religion der legalistischen jüdischen Führer und spricht sich gegen das rücksichtslose Regime des Herodes aus. Israel ist in eine Situation ägyptischer Finsternis mit Kindermord und Sklaverei zurückgefallen. Der neue König, der wahre Nachfolger Davids, muss ausgerechnet nach Ägypten fliehen, um den ägyptischen Zuständen in Israel zu entkommen. Gleichzeitig spürt Matthäus auch die Notwendigkeit, diese erstarrte Religiosität und die damit verbundene Machtausübung zu übertrumpfen und außer Kraft zu setzen durch eine moralische Auslegung des jüdischen Gesetzes, der Thora. Wenn Israel zum neuen Ägypten geworden ist, ist Jesus Christus die Erfüllung des neuen Israels. Jesus Christus in seinem Reden und Handeln, Leiden, Sterben und Auferstehen ist die Erfüllung des Gesetzes. Was das Gesetz der Regeln und Gebote eigentlich beabsichtigte, nimmt in ihm Gestalt an, und so erfüllt er alle Gerechtigkeit. Er unterzieht sich bereits der Taufe durch Johannes, um Gottes „Gerechtigkeit zu erfüllen“ (Matthäus 3,15), das heißt: Diese Taufe ist bereits ein Vorabbild seines Todes, der die Gerechtigkeit erfüllt. Er durchläuft in seinem Lebensweg die sechs Stadien von Genesis bis Josua, von seiner Geburt bis zur Eroberung Jerusalems durch seine lebendige und leidenschaftliche Auslegung der Thora bis hin zu seinem Tod [7]. Der Tod ist kein Verlust oder Misserfolg, sondern „Erfüllung der Gerechtigkeit“. So für Jesus, so für seine Nachfolger.
Matthäus reagiert auf die Ablehnung Jesu, indem er ihn als den wahren Sohn Davids, die Erfüllung des Gesetzes und damit auch als den wahren Sohn Gottes sichtbar macht. Matthäus nennt Jesus nicht direkt den Sohn Gottes. Er verwendet den Begriff Immanuel: In ihm ist Gott mit uns. Diese Redewendung findet sich am Anfang seines Evangeliums und am Ende, bei der Geburt und bei der Himmelfahrt in Matthäus 28. Technisch gesehen wird dies als „Inklusion“ bezeichnet. Das heißt: Es ist der Rahmen des Ganzen. Bei Matthäus gibt es zwar auch eine Opposition gegen den Kaiser als Sohn Gottes, doch seine Bezeichnung für Jesus als Sohn Gottes ist stärker durch das Königtum Davids und die Sohnschaft Israels geprägt. Denn für Matthäus liegt der Schwerpunkt auf der wahren jüdischen Gemeinschaft der verfolgten Messiasgläubigen. Das ist sein Kontext. Das Matthäusevangelium spiegelt ihre Situation in Palästina nach dem Tod des Stephanus wider, etwa zehn Jahre nach der Kreuzigung. Die Texte aus Jesaja über den leidenden Knecht sind für Matthäus maßgeblich. Im Leiden am Kreuz erfüllt Jesus das Gesetz, und die von ihm gegründete neue Gemeinschaft lebt selbst in der Zeit der Erfüllung des Gesetzes. Der Geist hat daher den Buchstaben nicht aufgehoben, sondern ist die Erfüllung des Buchstabens. In der Gemeinschaft des Matthäus besteht keinerlei Notwendigkeit, sich von den Vorschriften des Gesetzes zu distanzieren. Diese müssen jedoch inhaltlich mit Leben erfüllt, „erfüllt“ werden durch ein Leben in Gerechtigkeit, das zugleich Sterben ist, wie Christus es getan hat.
Bei der Auslegung des Matthäusevangeliums als ausschließlich jüdisches Evangelium werden oft zwei Texte hervorgehoben. An erster Stelle der Text, in dem steht, dass weder Jota noch Strich vom Gesetz verloren gehen: „18Wahrlich, ich sage euch: Solange Himmel und Erde bestehen, bleibt jedes Jota, jeder Strich im Gesetz in Kraft, bis alles geschehen ist. 19Wer also auch nur das Geringste von diesen Geboten aufhebt und andere lehrt, dasselbe zu tun, der wird als der Geringste im Himmelreich gelten“ (Matthäus 5,18–19). Lukas 16,17 enthält hier nur: „17Aber eher werden Himmel und Erde vergehen, als dass auch nur ein Jota vom Gesetz wegfällt.“ Zweitens die Worte „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ (Matthäus 15,24). Dieser letzte Text steht bei Matthäus zwar im Rahmen einer Erzählung, in der gerade die ausschließliche Ausrichtung auf Israel durchbrochen wird. Aber es bleibt wahr, dass Matthäus vor allem der jüdische Rabbi ist, der für den verworfenen Christus als die wahre Linie des aufrichtigen jüdischen Glaubens an die Thora eintritt. Das war wahrscheinlich Wasser auf die Mühlen der vielen priesterlichen Christusgläubigen, die in die kirchliche Gemeinschaft aufgenommen worden waren und der Mission unter den Heiden seitens der Kirche von Antiochia sehr misstrauisch gegenüberstanden. Diese wussten sehr wohl, wer im Himmelreich „die Geringsten“ waren, wie Matthäus es beschreibt: Paulus und seine Anhänger. In Apostelgeschichte 6,7 heißt es: „… auch eine große Gruppe von Priestern schloss sich dem Glauben an“. Lukas sagt dazu in der Apostelgeschichte nichts weiter, aber gerade das lässt vermuten, dass er die damit verbundenen Spannungen nicht auf die Spitze treiben wollte. Er lässt den Leser dadurch jedoch wissen, dass damit große Vorbehalte gegenüber der späteren Mission unter den heidnischen Völkern zum Ausdruck gebracht werden. Darüber ist in den Briefen des Paulus genug zu lesen, wenn er sich gegen konservative Juden wendet, die die heidnischen Völker in den Rahmen des Gesetzes einbinden wollen, einschließlich Speisevorschriften und Beschneidung.
Das ist in der neuen Gemeinde ein heikler Punkt geblieben. In Apostelgeschichte 15 berichtet Lukas von der Apostelversammlung, bei der Paulus und Barnabas Rechenschaft über ihre Politik ablegen müssen, den heidnischen Völkern weder die Beschneidung noch die Speisevorschriften aufzuerlegen. Er spricht von einem „heftigen Wortgefecht“ (15,7), woraufhin Petrus als Leitender aufsteht und für die Auffassung von Barnabas und Paulus plädiert. Danach ergreift Jakobus (mittlerweile ist das Jakobus, der Bruder Jesu) das Wort und merkt an, dass, wenn Gott das Haus Israel wieder aufbaut, der übrig gebliebene Rest Israels ihn suchen wird, zusammen mit den heidnischen Völkern, über die Gottes Name ausgerufen wurde (Apostelgeschichte 15,16–18). So haben es die Propheten vorausgesagt. Das ist es, was jetzt geschieht, so Jakobus. So wird eine Lösung gefunden, die Raum für den Ansatz von Paulus und Barnabas lässt, doch die Begründung, die Jakobus noch hinzufügt, ist vielsagend: „21 Denn in jeder Stadt wird das Gesetz des Mose seit Menschengedenken verkündet und an jedem Sabbat in den Synagogen vorgelesen.“ Mit anderen Worten: Lasst einfach geschehen, was Paulus und Barnabas tun, es wird ohnehin nicht zum Mainstream.
Es gibt verschiedene Interpretationen hinsichtlich der Frage, ob Matthäus eine Rückkehr zu den jüdischen Wurzeln der christlichen Gemeinde befürwortet oder vielmehr die Tür zur Mission unter den heidnischen Völkern öffnet. Goulder ist der Ansicht, dass Ersteres der Fall ist. Eigentlich ist Matthäus ein jüdischer Rabbiner, der in seinem Evangelium die Kunst des Midrasch praktiziert. Ein Midrasch bedeutet, dass ein Schriftwort mithilfe einer Geschichte oder eines Gleichnisses aktualisierend ausgelegt wird, um das Gesagte für eine neue Situation nutzbar zu machen. Die Wundergeschichten und Gleichnisse lassen so die Tora wieder aufleben. Die Art und Weise, wie Matthäus dies tut, hat laut Goulder die Spannungen zwischen den Christen jüdischer Herkunft und den Christen aus den heidnischen Völkern enorm verschärft [8]. Dem gegenüber steht die Auffassung von Bernhard Orchard, der das Team um Farmer unterstützt hat. Laut Orchard spiegelt Matthäus zwar die Ansichten der Gemeinde in Jerusalem wider. Er hat zwar selbst die Mission unter den heidnischen Völkern nicht durchgeführt, aber dort die Tür dazu geöffnet. Orchard vertritt die Ansicht, dass Matthäus nicht auf Hebräisch oder Aramäisch geschrieben habe, sondern direkt auf Griechisch. Dabei folgt er der Analyse des Matthäusevangeliums durch Gundry und verteidigt diese [9]. Das Matthäusevangelium ist also von Anfang an nicht nur ein rein innerjüdisches Geschehen. Gleichzeitig, so Orchard, spiegelt das Matthäusevangelium auch eine Situation wider, in der diese Mission unter den heidnischen Völkern noch nicht stattgefunden hat. Man kann sich jedoch durchaus vorstellen, dass die konservativen Juden, die Teil der Gemeinde in Jerusalem waren und über die sich Paulus im Brief an die Galater so beklagt, bestimmte Texte im Matthäusevangelium eifrig genutzt haben. Daher hatte auch Paulus Bedarf an einer anderen Version des Evangeliums und hat Lukas zweifellos bei dessen Unterfangen unterstützt.
Das Lukas-Evangelium ist eine Antwort auf die drohende Exklusivität dieser neuen christlichen Gemeinschaft. Er will sich nicht nur von der strengen Gesetzesauffassung lösen, sondern auch von der Vorstellung einer vollendeten Gemeinschaft, die ihr Endziel erreicht hat. Immer wieder taucht bei Matthäus das Wort „vollkommen“ (teleios – auch etwas abschwächend mit „zielgerichtet“ übersetzt) auf, zum Beispiel: Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist (zum Beispiel Matthäus 5,48). Man kann sich vorstellen, dass das Festhalten an dieser Vollkommenheit für die verfolgten Christusgläubigen des Matthäus mit der Krise der Verfolgung selbst gegeben ist, nach der Steinigung des Stephanus. Jesus Christus ist die Erfüllung des Gesetzes, und die Gemeinde muss es ebenfalls sein. Es gibt keine Notwendigkeit, kein Bedürfnis und keinen inneren Raum, über dieses „nunc stans“, diesen alles bestimmenden Moment, hinauszuschauen: Es ist jetzt oder nie, jetzt kommt es darauf an, vollkommen wahrhaftig zu sein. Bei Lukas ist das anders. Bei ihm wird das Evangelium zu einem Weg der Veränderung, Schritt für Schritt. Das geht einfach nicht anders, wenn zum ersten Mal Gläubigen aus den heidnischen Völkern erlaubt wird, an der neuen Gemeinschaft teilzuhaben. Diese fangen erst an; von ihnen kann man nicht einfach die Vollkommenheit verlangen, die Matthäus von den (zu) traditionellen Juden fordert. Was für Matthäus das Endziel der Vollkommenheit ist, wird für Lukas zum Ausgangspunkt des Weges. In der Apostelgeschichte wird die neue Gemeinschaft mit diesem Namen bezeichnet, dem „Weg“.
Es ist kein Zufall, dass der Tempeldienst bei Lukas eine zentrale Stellung einnimmt. Jesus lehrt im Tempel, die Apostel sind ebenfalls ständig im Tempel, auch in der Apostelgeschichte, und Lukas beginnt seine Erzählung mit dem Dienst des Zacharias im Tempel. Doch gerade die Geschichte des Zacharias, der der Verheißung des Engels keinen Glauben schenkt und bis zur Geburt Johannes des Täufers mit Stummheit geschlagen ist, macht deutlich, dass der ritualisierte Tempeldienst erstarrt und tot ist. Der Tempeldienst steht für das legalistische Judentum. Das ist nicht nur ein erstarrtes Judentum, sondern angesichts der Tatsache, dass die Armen die Reinheitsvorschriften des Gesetzes niemals erfüllen konnten, ist es auch eine Frömmigkeit, die die Reichen in ihren vorrangigen Positionen bestätigt. Es ist nicht nur erstarrt, sondern es ist auch zu einem Unterdrückungsmechanismus geworden. Lukas geht es darum, dass der Geist dort herausgegriffen wird und dass der Geist nun auf die heidnischen Völker übertragen wird, auf alle, die hören wollen. Auch sie werden mit dem Geist getauft, auch ohne den Buchstaben des Gesetzes. Dieser Fokus auf den erstarrten Tempeldienst hilft Lukas nicht nur in seiner Beziehung zum jüdischen Tempeldienst, sondern auch in seiner Beziehung zu den Heiden/römischen Bürgern, die ja schließlich auch weiterhin ihren eigenen Tempeldienst pflegen.
Indem er sich kritisch gegen den erstarrten Tempeldienst in Jerusalem wendet, schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn auch die Gläubigen aus den heidnischen Völkern werden nun aus ihrem erstarrten Tempeldienst herausgeführt. Sie, in der Regel wohlhabende Angehörige der Mittelschicht, öffnen ihre Häuser für die Gemeinde der Armen. Auch sie lassen damit ihren Tempeldienst hinter sich, jene bürgerliche Pflicht eines etablierten Daseins, die als tägliches Ritual für die führenden Großgrundbesitzer in der griechisch-römischen Welt ganz selbstverständlich dazugehörte. Der wahre Tempel ist von nun an der Leib Christi, des auferstandenen Herrn. So bei Paulus, so bei Lukas, so bei Markus.
Für Lukas und für Paulus geht es um den Geist, besser gesagt, um die Taufe mit Wasser und mit Geist. Die Taufe mit Wasser, wie sie Johannes der Täufer vollzieht, ist ein Bild für den Übergang vom Tod zum Leben: Man lässt eine Vergangenheit hinter sich und löst sich von einer Lebensweise sowie von Gemeinschaften und Göttern, die keine Verheißung für die Zukunft beinhalten. Doch um auch in die Zukunft einzutreten, muss dazu der Geist kommen, der lebendig macht. Dieser drückt sich in Begeisterung und daher in Zungenrede aus. Nach Ansicht einiger gehört diese Zungenrede weniger zur frühchristlichen Gemeinde in Matthäus, sondern eher zu den Gemeinden der griechisch-römischen Welt. Darüber gibt es also eine Diskussion. Goulder beispielsweise beschreibt die Zungenrede gerade als eine Erfindung der jüdischen Gemeinde in Jerusalem, und als die Gemeinde in Korinth davon völlig eingenommen ist und es auch so tun will, widersetzt sich Paulus dem und drängt auf Übersetzung, damit jeder es verstehen kann [10]. Vielleicht ist das der Grund, warum wir in der Apostelgeschichte auf eine Zungenrede stoßen, die sofort in viele Dialekte/Sprachen übersetzt wird – als wolle Lukas auch den orthodoxen jüdischen Christen sagen: So ist Zungenrede gedacht.
Wer vom Geist berührt und durch den Glauben an Christus vom Gesetz befreit ist, wird untrennbar mit ihm verbunden (Römer 8). So sehr Paulus auch die Betonung auf ein verändertes Leben und das Tragen der Lasten füreinander legt, auf ein Dasein durch und miteinander als Leib Christi, so kann dieses geistliche Verständnis von Jesus Christus auch zu einer gewissen Vergeistigung führen: Solange es dich nur berührt hat und du in Bewegung kommst, ist es gut. Dann bist du im Verborgenen mit Christus verbunden, auch wenn du davon im harten äußeren Leben nicht viel verwirklichen kannst. Man kann zum Beispiel die Beziehungen zwischen Mann und Frau nicht plötzlich ändern, nicht außerhalb der Gemeinde. Die Sklaverei ebenso wenig. Paulus merkt jedoch oft an, dass Bedrängnis kommt und dass der Gemeinde eine schwere Zeit bevorsteht. In Apostelgeschichte 18,18 wird berichtet, dass Paulus sich wegen eines Gelübdes den Kopf kahl scheren lässt. Es steht nicht dabei, worauf sich dieses Gelübde bezieht, aber auf der darauf folgenden dritten Missionsreise arbeitet Paulus an der Kollekte für Jerusalem und bringt den Erlös der Kollekte für die notleidende Gemeinde in Jerusalem selbst dorthin, trotz aller Warnungen vor dem, was ihn dort erwartet. Er ist selbst bereit, den Weg des Opfers zu gehen, und es erscheint mir nicht unwahrscheinlich, dass er dies auch tut, um ein Beispiel im Hinblick auf die bevorstehende Verfolgung zu geben, und dass auch dieses Gelübde damit zu tun hat.
Auf seinen Missionsreisen hat Paulus trotz Widerständen auch großen Erfolg. Bei den sogenannten „ Judengenossen“, den Teilnehmern der Synagoge aus den heidnischen Völkern, besteht großes Interesse an seiner Botschaft. Bislang nahmen sie aus Bewunderung für die ethische Lebensweise der Juden an den Synagogen teil, die streng nach ihren Ritualen lebten und dadurch Eindruck machten auf die bedauerliche, zynisch-ethische oder eher unethische Lebensweise, die im Römischen Reich üblich war. Diese römische Lebensweise war verbunden mit dem tragischen Lebensbewusstsein, dass man letztendlich doch vom Lauf der Ereignisse mitgerissen werde wie ein Hund, der an einen vorwärtsdonnernden Wagen gebunden ist. Das Bild stammt von Seneca, der die Empfehlung hinzufügt, besser mitzulaufen, da dies für den Hund deutlich weniger Schmerzen bereite als Widerstand.
Ein Teil der römischen Elite versuchte, sich von dieser zutiefst zynischen Haltung zu distanzieren, indem er an den Versammlungen in der Synagoge teilnahm. Doch in der jüdischen Synagoge wurden diese „ Judengenossen“ nicht als Mitglieder aufgenommen und galten dennoch als Menschen zweiter Klasse. In den christlichen Gemeinschaften hingegen konnten sie voll und ganz mitwirken.
Doch die uneingeschränkte Teilhabe war nicht die einzige Motivation. Hier fanden sie vor allem eine Alternative zu der tragischen Lebensauffassung, dass doch alles nichts wert ist und zu nichts führt. Es gibt immer eine Auferstehung, und die Misserfolge von heute sind der Same für die Zukunft. Wahrscheinlich erklärt diese Haltung auch das Interesse des Lukas an Wundern und Gleichnissen, die einen Ausweg aus einer festgefahrenen Situation aufzeigen. Hier fanden sie zudem eine alternative religiöse Haltung, die nicht die Macht verehrt, sondern die Hingabe und das Liebesmahl. Dabei steht nicht mehr der Kaiser an der Spitze, sondern nun ist der leidende jüdische Messias der Sohn des Allerhöchsten. Hier konnte man seine moralische Integrität retten (seine „Seele“ retten), ohne direkt gegen den Kaiser zu rebellieren. Die Gemeinschaft der Kirche hielt die neue Ethik weitgehend intern. Die Sklaverei blieb äußerlich aufrechterhalten, aber innerhalb der Kirche ging man anders miteinander um. Die herrschenden Mächte in den himmlischen Regionen (so Paulus im Brief an die Epheser 6,12 und im Kontext einer Reichskultur wie dem Römischen Reich sind damit die Ideologien der Machthaber gemeint) werden intern in Frage gestellt und ihrer Autorität beraubt, aber äußerlich bleiben sie (noch) intakt. Man wird sogar dazu aufgerufen, allerlei soziales Wohlwollen zu üben, denn das schätzt jeder, und das verschafft einen guten Ruf. Man wird sogar dazu angeregt, die bestehenden Obrigkeiten in ihrer Rolle anzuerkennen (Römer 13), denn die bestehende Ordnung braucht zwar Verbesserung, aber keine Verschlechterung.
Die neutestamentliche Gemeinde hat auf langfristigen Wandel gesetzt. Indem intern eine andere Ethik praktiziert wird, wird mitten in der alten Gesellschaft eine neue Gesellschaft vorbereitet. Wer Revolution macht, aber innerlich nicht verändert ist, reproduziert auf Dauer eine neue Version der bestehenden Ordnung. Soweit hier von einer bewussten Strategie die Rede sein kann, kann man das Strategie nennen. Doch Paulus weiß auch, wie sehr im Römischen Reich der Kaiserzeit die Zügel der Macht nur zeitlich gelockert wurden. Er sieht eine endgültige Konfrontation mit dem Römischen Reich auf sich zukommen, wie es später auch Johannes im Buch der Offenbarung formuliert und darstellt. Er sieht eine große Trübsal auf sich zukommen (zum Beispiel 2. Thessalonicher 2,1–12). Nun kann die neutestamentliche Gemeinde noch wachsen und gedeihen, Aufmerksamkeit erregen und eine integre moralische Alternative bieten, aber früher oder später werden all jene Menschen, die sich von einer neuen religiösen Haltung angezogen fühlen, dafür einstehen müssen, wenn der Moment kommt, in dem sie nicht mehr toleriert werden. Was geschieht dann? Was geschieht, wenn die neue spirituelle und ethische Haltung sie etwas kosten muss?
Hier liegt meiner Meinung nach der Ursprung des Gnostizismus: Der Gnostizismus ist eine Reduktion des neuen Lebens auf Erkenntnis und/oder auf verborgene innere Veränderung, die auf die Rückkehr der Seele in den Himmel vorbereitet. Die Gnostiker gehen so weit darin, das neue Leben im Inneren zu bewahren, dass sie in der Außenwelt für nichts mehr einstehen müssen. Gnostizismus ist daher ein Versuch, der endgültigen Konfrontation und der großen Trübsal, die Paulus vorhersieht, aus dem Weg zu gehen. Ehrlich gesagt finde ich in der gängigen Literatur über den Gnostizismus wenig von diesem sozialen und politischen Hintergrund wieder. Es scheint, als betrachte man den Gnostizismus als eine Spiritualisierung in extremer Form, die eigentlich schon von Paulus und dem Lukasevangelium eingeleitet wurde. Es scheint, als sei der Gnostizismus dann lediglich eine Frage sich entwickelnder Ideen. Doch Ideen kommen niemals von selbst und niemals allein. Die Spiritualisierung der neuen religiösen Ausrichtung auf Jesus Christus als leidenden Knecht und Sohn Gottes ist ein Ausweg aus dem zunehmenden Druck, auch für das Wort, das man spricht und an das man glaubt, einstehen zu müssen.
In den späteren Pastoralbriefen an Timotheus und Titus legt Paulus den Schwerpunkt auf eine gute Organisation der Gemeinde, verantwortungsbewusstes moralisches Verhalten und den Widerstand gegen gnostische Spiritualisierung. Oft werden diese Briefe nicht Paulus zugeschrieben, da sie nicht mit der leidenschaftlichen Auslegung der Schrift im Galaterbrief und in den Korintherbriefen sowie mit der fundierten Abhandlung im Römerbrief übereinstimmen. Bei dieser Beurteilung wird jedoch nicht berücksichtigt, dass sich die Situation geändert hat. Was soll Paulus tun, wenn die von ihm neu gewonnenen Gemeinden die neue religiöse Orientierung in einem verborgenen Inneren verflüchtigen lassen, ohne irgendeine Form äußeren Lebens? Denn genau das tut der Gnostizismus. Es wird zu Doketismus, dem Vortäuschen eines moralisch guten Lebens, und dazu, das Leben Jesu Christi ebenfalls als Scheinwirklichkeit zu betrachten. Heimlich sind wir aus Gott und zu Gott, aber glücklicherweise muss man nichts tun und nicht dafür einstehen, es bleibt alles innerlich und geheim. Das ist kein Standhalten in der Bedrängnis, sondern das Entfliehen vor der Bedrängnis.
2. Markus
Nun, in diesem Umfeld hat auch Markus seine Geburtsstunde. Markus reagiert auf die weitgehende Vergeistigung, die aus der weitgehenden Verinnerlichung der neuen christlichen Ausrichtung hervorgeht. Wenn man nicht körperlich mit der Sohnschaft und dem Leiden des Sohnes Gottes/Menschensohnes mitleidet, hat man von Jesus Christus nichts verstanden, so wie die Jünger bei Markus immer wieder nichts verstanden haben. In Rom ist der entscheidende Moment gekommen, in einer Zeit der Verfolgungen durch die römischen Machthaber. Das ist der Hintergrund von Markus.
In einem Kontext innerer Spannungen zwischen Anhängern von Matthäus und Lukas und in einem Kontext der drohenden Auflösung der neuen Gemeinschaft im Gnostizismus besteht die Herausforderung für Markus also darin, diese Gegensätze zu überbrücken, die Gemeinde auf die Ernsthaftigkeit der Lage hinzuweisen und sie zu ermutigen, in der Prüfung durchzuhalten. Wie schafft Markus das?
1. Er schafft in seinem Evangelium eine Verflechtung der jüdisch-christlichen Auslegung des Matthäus und der paulinisch-heidnisch-christlichen Neuinterpretation desselben durch Lukas. Er hat zweifellos erkannt, dass Lukas trotz aller Unterschiede sehr respektvoll mit dem Text des Matthäus umgeht, und seinerseits geht er selbst sehr respektvoll mit dem Text beider um [11].
2. Er schafft eine Erzählstruktur, die so viel wie möglich von dem bewahrt, was beide gemeinsam haben. Zu diesem Zweck kürzt er Matthäus und Lukas und folgt mal dem einen, mal dem anderen, je nachdem, was für seine eigene Erzählstruktur und Version der Botschaft am besten passt. Alle Gleichnisse, die Lukas und Matthäus gemeinsam haben, finden sich auch bei Markus. Die Worte Jesu in den Reden und den Geburtsgeschichten bei Lukas und Matthäus weisen große Unterschiede auf, doch Markus lässt diese so weit wie möglich weg.
3. Letzteres, nämlich so viele Worte und Reden wie möglich wegzulassen, dient auch einem anderen Zweck: einen raschen Ablauf der Ereignisse darzustellen. Es gibt keine separate Lehre Jesu, die losgelöst von der Nachfolge und der Jüngerschaft für sich steht. Das wäre zu billig. Was Jesus lehrt, ist: Jüngerschaft! Das bedeutet Drama. In einer Stunde kann man das Evangelium in seiner Gesamtheit lesen.
4. Markus verwendet Umgangssprache, und auch seine vielen, von Petrus entlehnten anschaulichen Schilderungen erzeugen ein Gefühl der unmittelbaren Beteiligung. Es ist ein Wirbelwind von Ereignissen, der direkt von der Berufung Jesu zum Kreuz führt, ohne Umwege. Die Menschen sind überwältigt, alles geht zu schnell. Alle sind erstaunt und verwirrt.
5. Einerseits verleiht die Stimme des Petrus, die hinter dem Evangelium steht und darin mitschwingt, dem Evangelium Autorität; andererseits verstehen vor allem die Jünger nicht, was vor sich geht, und Petrus am wenigsten. Er ist derjenige, der die großen Fehler begeht. Wenn es tatsächlich so ist, wie bereits der Kirchenvater Clemens behauptet, dass Markus es nach der Kreuzigung des Petrus niedergeschrieben hat, ist dies als eine Vorgehensweise zu verstehen, die auch im Hebräerbrief verwendet wird, wo in Bezug auf Christus gesagt wird: Er hat alle Prüfungen durchlebt, die auch den verfolgten Christen widerfahren. So steht es in Hebräer 3,18: „18 Weil er selbst, als er geprüft wurde, das Leiden ertragen hat, kann er jedem beistehen, der geprüft wird.“ Clemens weist darauf hin, dass ein wahrer (!) Gnostiker jemand ist, der an den „Taten und Werken“ Christi teilhat. Ein solcher Mensch besitzt wahres Wissen. Er weist darauf hin, dass das Geheimnis der Auferstehung den vier Aposteln offenbart wurde, die von Anfang an dabei waren: Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes. Diese waren auch auf dem Berg der Verklärung wieder dabei (so nur bei Markus). Sie haben die wahre Erkenntnis Christi mit den anderen Aposteln geteilt, so Clemens! Clemens könnte damit ein späterer Ableger einer Tradition sein, die beim Markusevangelium (und bei den Petrusbriefen) beginnt [12].
6. Das Markusevangelium endet mit einem Cliffhanger. Die letzten Worte, gesprochen zu den Frauen, die Jesus salben wollen und das leere Grab vorfinden, lauten: „8Sie gingen hinaus und flohen vom Grab, denn sie waren von Furcht und Schrecken erfasst. Sie waren so erschrocken, dass sie niemandem etwas sagten.“ Danach folgt noch ein Schluss, der in vielen Handschriften fehlt. Möglicherweise stammt dieser noch von Markus selbst, möglicherweise aber auch nicht. Vielleicht ist dies vergleichbar mit dem Buch Hiob, wo ebenfalls ein zweites Ende mit einem „Ende gut, alles gut“ das Buch abschließt. Orchard unterscheidet zwischen zwei Phasen. Er tut dies etwas spekulativ, aber es könnte sein: Markus hat als Sekretär die Vorträge des Petrus niedergeschrieben. Dieses Dokument ist (wahrscheinlich) in Rom zirkuliert. Schließlich hat er sein Evangelium offiziell veröffentlicht und vervielfältigt und dann diesen Schluss hinzugefügt [13]. Möglicherweise hatte Markus Gründe, diesen „Happy End“-Effekt zu vermeiden und mit der Haltung der Furcht und des Zitterns der Frauen am leeren Grab zu enden. Der Effekt davon ist nämlich eine Frage an den Leser: Und jetzt du! Wo stehst du!?
Im Folgenden wird dieser kurze Überblick über die Hintergründe und Absichten des Markus näher erläutert.
3. Der Anfang bei Markus und die Macht Jesu als Adoptivsohn
Was bedeutet der Anfang des Markusevangeliums? Matthäus und Lukas haben Geburtsgeschichten. Diese müssen nicht wörtlich so geschehen sein, sondern sollen den breiten Hintergrund und die Bedeutung des Erscheinens Christi skizzieren. Damit geben sie zugleich eine Vorahnung des Kommenden. Der Weg des Kreuzes beginnt mit der Krippe. Matthäus spricht von der „Entstehung“ (genesis ist das griechische Wort) Christi. Markus hingegen beginnt so: „1Der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.“ Anstelle von „genesis“ bei Matthäus steht bei Markus „Anfang“ – das griechische Wort dafür ist archè. Die Übersetzung mit „Anfang“ ist nicht falsch, aber das Wort ist auch mit „herrschen“ verwandt und findet sich in Wörtern wie Archäologie und Architektur wieder. Es ist auch verwandt mit Prinzip und Prinz (abgeleitet vom lateinischen princeps, das dem griechischen archoon entspricht). Im Niederländischen kennt man das Wort „beginsel“. Die Vornehmen legen die Grundsätze fest, die herrschenden Prinzipien der Wirklichkeit. Nun, es ist kein Zufall, dass Markus dieses Wort verwendet. Wir könnten es auch mit „Herrschaft des Evangeliums von Jesus Christus“ oder „das Prinzip des Evangeliums von Jesus Christus“ übersetzen. Dies wird noch durch den Begriff verstärkt, den Markus gleich zu Beginn verwendet: „Sohn Gottes“. Markus will damit nur sagen: Dies ist das Evangelium des wahren Sohnes Gottes.
Markus spricht zudem vom „Evangelium“. Das Evangelium wird zu einer eigenständigen Größe, zu einem Gattungsbegriff. Auch Paulus spricht so vom Evangelium Jesu Christi. Es könnte sein, dass Markus diese Redewendung in Rom dem Brief des Paulus an die Römer entlehnt hat. Das ist hier zwar weniger wichtig, doch ist es wichtig, diese eigenständige Verwendung des Wortes „Evangelium“ gebührend zu würdigen. Matthäus und Lukas kennen das Wort in dieser eigenständigen Verwendung nicht. Das Wort ermöglicht es, ihre beiden Evangelien voll und ganz anzuerkennen und dennoch „ein Evangelium“ hinzuzufügen. Denn „Evangelium“ wird nun zu einem Gattungsbegriff, einem Genre. Dadurch wird eine Vermittlung zwischen den beiden, Matthäus und Lukas, hergestellt. Jeder von ihnen, und nun auch Markus, bringt das Evangelium, aber in seiner eigenen Version. So sprechen wir heute noch davon: das Evangelium nach Matthäus, nach Lukas, nach Markus, nach Johannes.
Markus geht direkt über zur Taufe Jesu im Jordan durch Johannes den Täufer, und als Jesus aus dem Wasser auftaucht, reißt der Himmel auf, der Geist steigt in Gestalt einer Taube auf ihn herab und es ertönen die Worte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Dieses Wort, „aufreißen“, Markus 1,9, ist ein Wort, das nur bei Markus für dieses Ereignis vorkommt, und es kehrt noch einmal zurück, ebenfalls bei Markus, als sich der Vorhang im Tempel von oben nach unten aufreißt, in Markus 15,38, nach dem Tod Jesu. Dies spricht für eine Lesart des Markus, die ein Auge für solche Feinheiten hat, gerade in diesem Evangelium, das auf den ersten Blick einen etwas schlampigen Eindruck macht. Bei Markus und Lukas wird Jesus hier direkt in der zweiten Person angesprochen. Bei Matthäus heißt es: „Dies ist mein geliebter Sohn …“ Der Unterschied zwischen der Formel bei Matthäus einerseits und der bei Markus und Lukas andererseits besteht darin, dass die direkte Anrede mit der Formel übereinstimmt, mit der die römischen Kaiser ihren Adoptivsohn und zukünftigen Nachfolger zum Familienmitglied erklärten [14]. Offensichtlich sind sich sowohl Lukas als auch Markus dessen bewusst, doch Markus formuliert es noch etwas prägnanter. Die Verbindung zum „Anfang des Evangeliums“ (archè) ist schließlich deutlicher. Und die Bedeutung ebenfalls: Der römische Kaiser gilt ebenso wie der ägyptische Pharao als Sohn der Götter; er ist in die Götterfamilie aufgenommen und herrscht im Namen der himmlischen Mächte auf Erden.
Nun war für die Römer die Unterscheidung zwischen der menschlichen und der göttlichen Sphäre nicht so scharf wie in unserem Verständnis [15]. Dass diese Unterscheidung für unsere Zeit so scharf geworden ist, ist selbst das Ergebnis der christlichen Tradition, in der es als unpassend angesehen wurde, Menschen auf die gleiche Ebene wie Christus zu stellen. Göttliche Verehrung für einen – wie wir sagen würden – gewöhnlichen Menschen war in der gesamten Antike üblicher, sowohl bei den Stämmen als auch in Ägypten bei den Pharaonen und den Kaisern im alten Orient. Zudem war die Vater-Sohn-Beziehung in der römischen Welt von außerordentlicher Bedeutung. Octavian, selbst Adoptivsohn Caesars, hatte als Erster den Titel „Sohn Gottes“ für sich beansprucht. Damit setzte eine Entwicklung hin zur Zentralisierung der Macht ein, gleichzeitig mit dem schwindenden Einfluss des Senats. In den ersten 50 Jahren gab es auch in Rom noch keine Rechtsprechung über diesen Kaiserkult und die Adoptivnachfolge. Doch innerhalb von etwa drei Generationen weitete sich dieser Kaiserkult zu einer Verehrung der gesamten kaiserlichen Familie aus. Die Abstammung eines Menschen war nun nicht mehr das Wichtigste, sondern die Frage, ob man zum Haus des Kaisers gehörte [16]. Überall auf der Welt und in der Geschichte gehen klientelistische Systeme mit der Bedeutung familiärer Beziehungen einher, doch nun wurde in Rom der Klientelismus wichtiger als die Familie. Der Kaiser wird als „Vater“ der gesamten Nation angesehen. Im Jahr 45 v. Chr. proklamiert der Senat den damals noch lebenden Julius Caesar zum Vater der Nation. In allen lokalen Kulten wurde nun täglich ein Stier für den Genius des Kaisers geopfert. Der Kaiser selbst nimmt seinen Platz „unter den Sternen“ ein[17]. Im Jahr 9 v. Chr. hat der Prokonsul von Kleinasien bereits verfügt, dass das Jahr am Geburtstag von Kaiser Augustus beginne. Und in diesem Dekret wird Augustus Sotèr (Retter) genannt, und die frohe Botschaft davon wird Evangelium genannt. Als Vespasian den Kaiserthron besteigt, wird dieses Wort ebenfalls verwendet: Evangelium.
Alle Evangelien stellen Jesus als Gegenbild dieser kaiserlichen Macht dar, wobei Markus dies am deutlichsten und nachdrücklichsten tut. Jesus ist der Gegenkaiser, und die Taufe durch Johannes sowie die Adoption durch den Vater sind die Legitimierung und Aufnahme Jesu. Die Menschen jener Zeit interessierten sich überhaupt nicht für eine göttliche Natur, sondern für Status, Macht und Autorität. Und mit diesem Sohn des Vaters wird auch die christliche Gemeinde selbst in die göttliche Familie aufgenommen; sie ist selbst eine neue Familie um den Sohn herum [18].
Vor diesem Hintergrund fällt auf, dass dort, wo man in Markus erwarten würde, dass der Vater Jesu, Josef, genannt wird, sein Name fehlt (Markus 3,21–35). Auch legt Markus im Text noch einmal einen zusätzlichen Akzent auf die Macht Gottes, die auch die anderen Evangelisten haben: Was bei Menschen nicht möglich ist, ist bei Gott möglich. Markus fügt dann hinzu: „Bei Gott ist alles möglich“ (Markus 10,27). Im traditionellen römischen Recht hat der pater familias die Macht über Leben und Tod jedes Familienmitglieds, und so verdeutlicht Markus auch den Gehorsam Jesu gegenüber dem Vater. Dass es Markus um diese Herrschaft des Sohnes geht, wird auch in Markus 10,42 bestätigt: „42 Jesus rief sie zu sich und sagte zu ihnen: ‚Ihr wisst, dass die Völker von denen unterdrückt werden, die als ihre Herrscher gelten, und dass ihre Führer ihre Macht missbrauchen‘“ (Markus 10,42). Bei Matthäus fehlt der Ausdruck „die als“, sodass dort steht: „dass die Völker von ihren Herrschern unterdrückt werden“. Das will Markus offenbar nicht so stehen lassen. Es sind keine wahren Herrscher, denn sie verdienen es nicht, solche zu sein [19]! Der wahre Herrscher hat seine Ernennung bereits in den ersten Versen des Markus-Evangeliums angenommen. Schließlich wird in Markus 15,16–20 nur bei Markus Jesus als Anti-Kaiser dargestellt und in einen purpurfarbenen Mantel gekleidet, der kaiserlichen Farbe.
Unmittelbar nach der Amtseinführung Jesu als Sohn Gottes folgt die Versuchung in der Wüste. Für Markus ist es, anders als in den anderen Evangelien, nicht mehr von Bedeutung, zu erklären, worin diese Versuchungen konkret bestehen. Das lässt er weg. Als wahrer Sohn Gottes besiegt Jesus schließlich ohne zu zögern die Gegenkräfte des Satans [20]. Gleich zu Beginn hat Jesus in der Versuchung in der Wüste bereits über den Satan gesiegt. Deshalb erkennen die Dämonen ihn als ihren Herrn an. Sie haben nun einen neuen Herrn. Jesus weist sie immer wieder an, darüber zu schweigen. Mit dieser Autorität zeigt er seine Macht. Es wird zwar angemerkt, dass Jesus unter den wilden Tieren ist, aber auch, dass Engel ihm dienen. Parker weist darauf hin, dass es abgesehen von einigen Skorpionen keine wilden Tiere in der Wüste Israels gibt [21]. Er fragt sich, warum Markus das dann hinzugefügt haben könnte, während Matthäus und Lukas davon keine Erwähnung machen. In Rom gab es diese wilden Tiere jedoch sehr wohl, und wenn der Kontext des Markus-Evangeliums, wie zuvor beschrieben, tatsächlich Rom mit seinen Verfolgungen ist, wird sofort jedem klar, worin diese Versuchungen bestanden haben. Man wird beispielsweise an die wilden Tiere im Circus Maximus gedacht haben, die auf die Verurteilten losgelassen wurden.
4. Macht über die Dämonen, die ihn sehr wohl erkennen
In der griechisch-römischen Welt wie auch in der semitischen Welt sind Götter keine fernen Mächte, die irgendwo vom Olymp aus die Erde regieren. Die Götter sind moralische Mächte. Götter stehen für Lebensbewegungen. Das war schon immer so. Der alles lenkende Gott in der Ferne ist eine Erfindung des kartesianischen Zeitalters, in dem nur noch Platz ist für einen Gott im Übernatürlichen, der dann wie eine Art Ingenieur von seiner hohen Position aus die Fäden zieht. So ist es in der Antike nicht. Eine Pflanze, die wächst, steht ebenfalls für eine Lebensbewegung. Kampf, Sexualität – das sind Lebensbewegungen, Mars oder Aphrodite. In der Ilias, wo Griechen und Trojaner gegeneinander kämpfen, stehen sich auch die Götter gegenüber. Sie unterstützen die eine oder die andere Seite. An einem bestimmten Punkt, in der Hitze des Gefechts (!), betreten die Götter selbst das Schlachtfeld. Auch sie kämpfen gegeneinander. Das heißt, sie nehmen Besitz von den Kämpfern und werden in diesem Sinne zu dämonischen Mächten. Mit Dämon (griechisch „daimon“) wird eine beseelende Kraft bezeichnet, die einen inspiriert und von der man völlig besessen ist – auch unsere Sprache kennt diese Verwendung des Wortes noch. Diese Besessenheit kann so weit gehen, dass das Ich, das ich bin, dadurch ausgelöscht wird. Die Psychologie unserer Zeit spricht zwar von Dissoziation, wenn jemand von mehreren Persönlichkeiten beseelt wird und die Kontinuität seiner Person nicht mehr zu wahren vermag. In unserer Zeit, mit mehr Bildung, mit Betonung auf dem Ich, das ich bin, und der Bildung des Selbst, geschieht das nicht mehr so leicht. Bei allem, was Eindruck macht, halten wir uns in gewisser Weise zurück und lassen uns nicht davon überwältigen. Das, was Eindruck macht, vergleichen wir mit einem Vorrat an anderen Erfahrungen und Einsichten, einem Bezugsrahmen, der die Kontinuität unserer Person aufrechterhält. Das gelingt nicht immer, und tiefgreifende, unerwartete und ursprüngliche Eindrücke überwältigen uns, machen die Situation unbewältigbar. Wir sind perplex. Das kann die Wirkung einer Liebeserklärung sein oder einer einschneidenden Erfahrung, für die wir keinen Platz finden. Der Philosoph Charles Taylor spricht vom „buffered self“. Wir haben einen Puffervorrat an Interpretationsrahmen und Handlungsrepertoire angelegt und lassen uns nicht so schnell aus der Fassung bringen. Kulturen, die weniger Wert auf die Aussage „Ich bin“ legen, können ihre Erfahrungen anders erleben. Götter und Geister können sie leichter verwirren und ihre Identität stören – oder geradezu bekräftigen.
Auch moderne Menschen sind oft wie Kreuzworträtsel mit einem Flickenteppich aus Reaktionsmustern, sodass man sie auch im normalen Leben unterschiedlich erleben kann, je nachdem, welche Reaktionsmuster aktiviert werden. Aber auch wir können in einen Konflikt geraten, wenn wir nicht genau wissen, ob wir der Gruppe weiterhin Loyalität zeigen oder mit ihr brechen und auf eine andere Gruppe hören sollen. Wir folgen vielen herrschenden Codes, die die Codes verschiedener Stimmen und verschiedener Gruppen sind, die in uns widerhallen und an uns appellieren. Auch wir können unter dem Gewicht einer hierarchischen Ordnung zusammenbrechen, in der wir als Null gelten. Die Freiheit, verantwortungsbewusst zu sprechen, ist uns dann genommen. Auch in unserer Zeit müssen viele Menschen die Sprache des Unternehmens sprechen, zum Beispiel gegenüber dem Kunden. Dort tritt bereits der soziale Flickenteppich der Codes in Kraft, denn zu Hause sprechen wir über den Chef oft mit einem ganz anderen Reaktionsmuster als bei der Arbeit. Solche Überlegungen helfen uns möglicherweise, uns vorzustellen, was Dämonie in der Zeit der Evangelien bedeutet hat. Man wurde nicht mehr zu einem verantwortungsbewussten und freien Hörer und Sprecher des Wortes. Dazu fehlt die Freimütigkeit (griechisch „parresia“), die in den Evangelien und bei Paulus eine so große Rolle spielt.
Für das Bewusstsein jener Zeit besteht zudem ein Zusammenhang zwischen Krankheit und Besessenheit. Auch Krankheit wird als Einfluss böser Mächte gesehen, die jemanden schwächen und verzerren. Das griechische Wort für Krankheit oder Schwäche ist „astheneia“, was wörtlich „kein guter Mut“ oder „keine gute Stimmung“ bedeutet. Es ist kein Zufall, dass „krank“ (ein altes Wort für Krankheit) und „Kränkung“ dieselbe Etymologie haben. Wer in der Hierarchie wie ein Fußabtreter behandelt oder in der Gruppe verachtet wird, wird auch in unserer Zeit noch krank davon. Das hat auch allerlei körperliche Symptome zur Folge. Wie weit das gehen kann, ist nicht ganz klar. Wie weit auch das Gegenteil gehen kann – Heilung durch Kräfte, die Liebe und Anerkennung schenken und eine Zukunft aufzeigen –, ist ebenfalls nicht klar. Auch in unserer Zeit kursieren noch immer bemerkenswerte Heilungsgeschichten, Ereignisse, die eigentlich „unmöglich“ sind. Darauf weise ich hin, nicht um für die Wahrheit der Wunderberichte zu plädieren, die in den Evangelien reichlich vorhanden sind. Vielmehr plädiere ich für ein Verständnis der Lebenswirklichkeit jener Zeit. Nach dem Verständnis der Menschen jener Zeit verliefen kausale Zusammenhänge anders. Doch die Ursachen für Krankheiten, die die Menschen damals sahen, sind auch in unserer Zeit nicht ganz verschwunden. Das letzte Wort ist darüber noch nicht gesprochen. „Psychosomatisch“ ist dann der kryptische Begriff, mit dem sich Ärzte aus der Affäre ziehen.
Das bedeutet wiederum nicht, dass wir behaupten sollten, alle Wunderberichte seien „wirklich geschehen“ in dem Sinne, wie wir das in unserer Kultur verstehen. Zwar hat das gesprochene Wort seine eigene Heilkraft, und diese Heilkraft reicht weiter, als wir in unserer Kultur zugeben wollen. Aber wir dürfen die Freiheit der Evangelisten nicht unterschätzen. Auch sie erzählen keine Aneinanderreihung von Fakten, auch sie haben nicht den Anspruch, Jesus „nach dem Fleisch“ zu kennen, wie Paulus es sagt, auch sie kennen Jesus „nach dem Geist“ (2. Korinther 5,16). Sie könnten also durchaus ein Wunder hinzugefügt oder ein Wunder kreativ umgestaltet haben, damit es zum „im Geist“ passt, um die Bedeutung Christi zu verdeutlichen. Auch darf mein Plädoyer für „Wunder“ nicht als Plädoyer dafür verstanden werden, dass die Naturgesetze durch ein übernatürliches Eingreifen durchbrochen werden. Vielmehr müssen wir umgekehrt den Begriff „Naturgesetze“ erweitern. Wir verstehen letztlich noch sehr wenig von der Natur. Es gibt vieles, was an der Natur nicht natürlich ist, und die Überraschungen, vor die uns die Natur selbst stellt, lassen sich nicht immer in Gesetze fassen. Schon Kant bezeichnete den Menschen selbst als das „Wunder in der Erscheinungswelt“, um nur ein Beispiel zu nennen, und das gilt nicht nur für den Menschen.
Dämonie und religiöse Autorität haben alles miteinander zu tun. Jedenfalls ist jede Autorität eigentlich religiös, weil sie Gebot und Angebot ist. Dämonie ist religiöse Autorität, die so überwältigend ist, dass die Möglichkeit, ein eigenes Urteil zu fällen und „Ich“ zu sagen, ausgelöscht wird. Vor allem bei Markus erkennen gerade die Dämonen Jesus sofort als Sohn Gottes. Sie begreifen sofort, dass sich hier eine beispiellose neue Quelle religiöser Autorität offenbart. Sie verstehen sogar besser als die Jünger, worum es geht.
Es ist wichtig, den Zusammenhang zwischen Dämonie und der Verhärtung der Gesellschaftsordnungen der Antike zu erkennen, auf den Rosenstock-Huessy immer wieder aufmerksam macht. Jede Gesellschaftsform hat ihren Ursprung in einer Inspiration. Die Entstehung der Reichskultur zum Beispiel ist die Lösung eines enormen Problems. Man denke nur an die Kämpfe zwischen unzähligen Stämmen im Niltal. Diese Situation muss ernst gewesen sein, bevor die Bevölkerung mehrheitlich das Regime eines zentralen Machthabers, des Pharaos, akzeptierte. Wenn mit großer Inspiration etwas Neues geschaffen wird, packen alle mit an. Mit der Zeit wird es ein Erfolg, aber von diesem Moment an werden auch die Nachteile sichtbar. Es gibt, zum Beispiel in Ägypten, zunehmende Ungleichheit, das Zentralreich wird von Stämmen bedrängt, die versuchen, sich die Reichtümer anzueignen und nach Möglichkeit ein- und auszulaufen. Es gibt zunehmende Sklaverei und Ausbeutung. Nach einer Weile glaubt niemand mehr daran. Eine ähnliche Argumentation lässt sich auch auf die Stämme, auf Griechenland und sogar auf Israel anwenden. Jede historische Errungenschaft kann erschöpft sein und sich in ihr Gegenteil verkehren. Dann ist eine neue Inspiration nötig, schon allein, um den alten Institutionen neues Leben einzuhauchen. Auch die väterliche Autorität, die in den Stämmen herrschte und Zusammenhalt schuf, kann zu einer geschlossenen „Wir“-Gruppe mit eigenen Codes verkommen. Das Ergebnis ist nicht, dass Menschen gestärkt werden, sondern dass sie ausgeschlossen werden oder sich an die innerhalb des Stammes geltenden Codes anpassen müssen.
So sehr Israel auch seinen Ursprung im Widerstand gegen solche Stammesgesetze hat, so ist doch auch die Umfriedung durch das Gesetz mit seinen 613 Geboten zu einem erstarrten Gesetzeskodex geworden, der in den Händen von Priestern, Schriftgelehrten und Pharisäern liegt. Diese Gebote lassen dem „Ich“, den Menschen, keinen Raum mehr für Mitwirkung und Antwort, sondern zwingen zur Unterwerfung und zur Auslöschung des inneren Raums, um ein eigenes Urteil zu bilden und zu fällen. Denn Menschen leben in Angst, und nicht umsonst leitet sich dieses Wort von Enge und „eng“ ab. Solche Umstände führen zu Kränkung und Krankheit. In diesen Wörtern gibt es einen Zusammenhang mit dem Wort „kreng“ (niederländisch). Dieses Wort hat gleichzeitig die Bedeutung von jemandem, der verletzend ist, aber auch von einem toten Tier. Bemerkenswerterweise denkt man bei „kreng“ vor allem oder ausschließlich an eine Frau – „das kreng“ genau wie „dat mens“ (niederländisch). Darf die Frau als Sündenbock herhalten für die herrschenden Krankheiten, die uns die Dämonie der herrschenden Götter aufzwingt?
Die Gesellschaftsordnung der Reichskultur wurde vom Römischen Reich von Ägypten übernommen, seit Julius Cäsar Ägypten besuchte. Ägypten war einer der ersten Orte, an denen ein Reich über Tausende von Kilometern Land entlang des Nils gegründet wurde, in dem nicht Stammesälteste regierten, sondern das Haus des Pharaos (Pharao bedeutet auch „das große Haus“), der als Sohn der Götter in die Familie der Götter aufgenommen wurde. Götter unterscheiden sich von den Stammesgeistern dadurch, dass sie aus der Macht der Sterne und des Kalenders heraus regieren. Der landwirtschaftliche Kalender mit Regen und Dürre, mit seinen Festen und Rhythmen, wird zum bestimmenden Faktor der Agrargesellschaft, und der Sohn der Götter mit seinem Gefolge aus Beamten und Priestern liefert die Deutung dessen, was in den Sternen geschrieben steht, um es auf der Erde auszuführen. War ein solches System einst eine Befreiung aus den einengenden Fesseln des Stammes und auch eine Befreiung von der Armut dank der enormen Nahrungsmittelproduktion, die ein zentralistisches System ermöglichte, so führte es mit seiner hierarchischen und rücksichtslosen Machtausübung zugleich zu Sklaverei und Unterdrückung. Man unterschätzt oft den sozialen und psychischen Einfluss eines solchen Machtsystems, weil es in unserer Gesellschaft noch Gegenkräfte dazu gibt, in Form von Parlamenten, Gewerkschaften, Kirchen. Wenn man sich vorstellt, dass es eine solche Gegenmacht nicht gibt, dass eine hierarchische Ordnung auch wörtlich das ist, was das Wort sagt, nämlich eine heilige Ordnung, dann bekommt man auch ein Gefühl für den Druck und den Einfluss, den dies auf das tägliche Leben, das Sprechen, Fühlen und Denken der Menschen hat. Ein kleines Beispiel: Noch im Jahr 40 v. Chr. wurden einige Dörfer in Palästina (darunter Emmaus) vollständig geräumt und ihre Bewohner als Sklaven verkauft, weil sie die Steuern nicht bezahlen konnten [22]. Was macht das mit einem Menschen? Dieses erstarrte Machtsystem ist verletzend und führt zu Krankheit. Es führt zu Krankheit im Sinne einer Verletzung des eigenen Gefühls und des freien Urteilsvermögens. Man kann nicht mehr nach seinem eigenen Gefühl sprechen, man kann nicht mehr mit den eigenen Augen sehen und mit den eigenen Ohren hören. Das wirkt innerlich lähmend, und vielleicht dadurch auch äußerlich. Ist das vielleicht der Grund, warum die Evangelien vor allem Geschichten von Blinden erzählen, die sehen können, von Lahmen, die gehen können, von Tauben, die hören können, und von Hautkrankheiten, die geheilt werden?
5. Das dionysische Ventil
Sowohl die Reichskultur als auch die Stammeskultur Israels sind zu erstarrten Formen geworden. Das Reich ist geprägt von Unterdrückung, der Stamm von Ausgrenzung. Die Begrenzung durch das Gesetz Israels bewirkt letztlich dasselbe. Der Stamm beraubt die Menschen ihres Status, das Reich ihrer Lebensgrundlagen. Beide legitimieren dies durch den Rückgriff auf religiöse Autorität. Dionysos als Gott des wilden Lebens fungiert hier als Ventil. Ventil: Rebellion und Wildheit kennen keine Grenzen, aber sie sind notwendig und ihrerseits legitim als Widerstand gegen die eiserne Systemkette. Das wilde Leben des Dionysos endet im Tod. Anders geht es mit dieser unkontrollierten Lebenskraft nicht. Dionysos hat eine irdische Mutter und einen göttlichen Vater. Das bedeutet, er entspringt irdischer Wildheit und Lebenskraft, ist aber dennoch legitim und in diesem Sinne auch wieder göttlich. Seine Mutter Semele wird dem Mythos zufolge zusammen mit anderen Frauen um sie herum verfolgt und getötet, und Dionysos flieht ins Meer, wo er von Thetis aufgenommen und versorgt wird [23]. Es gibt auch den Mythos, dass Zeus selbst nach dem Tod von Semele seine Geburt herbeiführt, indem er ihn in seinem Oberschenkel austrägt. Diese Mythen zeigen, dass die irdische Lebenskraft auf ihre eigene Weise doch auch einen göttlichen Charakter hat und legitim ist, weil sie notwendig ist: der Wein, die Freude, der Tanz, die volle Lebensfreude und sogar die Zerstörung. Dionysos steht für Kreativität, aber auch für unkontrollierte Wildheit, die dadurch auf den Tod zusteuert. Man kann sich vorstellen, wie empfänglich Frauen in ihrer marginalisierten und unterdrückten Position für den Kult des entfesselten Dionysos gewesen sein müssen. Die starre Ordnung des Stammes oder Reiches braucht offenbar dieses Ventil.
Nur Markus berichtet von dem Vorwurf, Jesus sei von Beelzebub besessen (Markus 3,20–30), und von dem Vorwurf, er würde im Namen Beelzebubs die Dämonen austreiben. Die Dämonen bemerken das „Dionysische“ an Jesus: Er überschreitet die strengen Regeln. Das wirkt in gewisser Weise „dämonisch“. Doch nicht nur Dionysos, auch die Liebe und die Verantwortung sind bereit, die Regeln zu überschreiten, und sind in diesem Sinne „rebellisch“. Auch die Liebe und die Verantwortung halten sich nicht an die Grenzen des Anstands und der Normalität. Das ist der Vergleichspunkt zwischen Jesus und Dionysos. Nun versuchen auch seine „eigenen Leute“, ihn zur Ordnung zu rufen. Sein Haus ist brechend voll, sodass sie nicht einmal die Gelegenheit haben, etwas zu essen. So lesen wir.
Aber wer sind diese „seinen Leute“, die eingreifen wollen? Die Neue Bibelübersetzung (niederländisch) berichtet bereits zuvor von der Berufung der Jünger und übersetzt diese Berufung wie folgt: „14Er setzte zwölf von ihnen als Apostel ein; sie sollten ihn begleiten, und er wollte sie aussenden, um die frohe Botschaft zu verkünden“ (Markus 3,14). Dieses „begleiten“ ist eine Umschreibung dessen, was wörtlich steht: „sie sollten bei ihm sein“. Jesus hat die Jünger also dazu bestimmt, „bei ihm“ zu sein. Vers 21 nun, wo die Menschen um ihn herum eingreifen wollen, weil Jesus verrückt geworden sei, wird in der Neuen Bibelübersetzung wie folgt wiedergegeben: „21Als seine Verwandten davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn, notfalls mit Gewalt, mitzunehmen, denn ihrer Meinung nach hatte er den Verstand verloren“ (Markus 3,21). Aber wörtlich steht dort nicht „Verwandte“ – hier wurde interpretativ übersetzt. Wörtlich steht dort nicht „Verwandte“, sondern diejenigen, die „bei ihm“ waren, also die Jünger. Das wissen wir jetzt, weil diese Worte bereits bei der Ernennung der Jünger verwendet wurden [24]. Auch sie sehen, dass die Lage außer Kontrolle gerät. Erst ab Vers 31 kommen auch Jesu Brüder und Schwestern sowie seine Mutter ins Bild. Sie stehen draußen, um ihn abzuholen. Kurz gesagt: Die Jünger, seine Familie und die Pharisäer – sie alle glauben, dass Jesus verrückt geworden ist. Jesus blickt dann in den Kreis und sagt: Wer den Willen meines Vaters tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. Er weist die Pharisäer darauf hin, dass ein Haus nicht gegen sich selbst gespalten sein kann und dass, wer das Haus ausrauben will, zuerst den starken Mann überwinden muss, der darin wohnt (und das hat er bereits seit dem Moment der Versuchung in der Wüste getan). Das beinhaltet auch eine implizite Kritik an den Pharisäern. Denn die Partei der Pharisäer, die die Partei der Reinheit ist und die die Massen zu mobilisieren und zu beeindrucken versteht, verbirgt hinter einer Fassade der Heiligkeit einen unterdrückten dämonischen Impuls [25].
6. Sohn Gottes und Jüngerschaft
Für Markus ist die Bezeichnung „Sohn Gottes“ das Wichtigste in Bezug auf Jesus Christus. Dieser Sohn Gottes steht nicht an der Spitze, sondern herrscht von unten herauf. Schon bei der Versuchung zu Beginn des Evangeliums zeigt sich, dass er sich unter den wilden Tieren befindet und auf diese Weise, als Verfolgter und Gefolterter, über den Satan herrscht (Markus 1,12). Es ist eine Vorankündigung. Die Lehre Jesu wird bei Markus oft erwähnt, aber er sagt, abgesehen von einigen Gleichnissen, nie, woraus diese Lehre eigentlich besteht. Das bedeutet, dass für Markus die Lehre Jesu in der Jüngerschaft, der Nachfolge, besteht. Was Jesus lehrt, ist also nicht so sehr die Thora, sondern er selbst ist das „Objekt“ seiner Lehre, er lehrt die Nachfolge.
Markus hat lediglich die Gleichnisse von Lukas und Matthäus übernommen, die beide enthalten. Er hat jedoch am Anfang ein kleines Gleichnis hinzugefügt, das Matthäus und Lukas nicht haben. Es lohnt sich immer, auf solche Unterschiede zu achten:
„26Und er sprach: ‚Das Reich Gottes gleicht einem Menschen, der Samen auf die Erde sät: 27Er schläft und steht wieder auf, Tag für Tag, während der Samen keimt und wächst, auch wenn er nicht weiß, wie. 28Die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst die Halme, dann die Ähren und schließlich das reife Korn in den Ähren. 29Sobald das Korn es zulässt, schlägt er die Sichel an, denn es ist Zeit für die Ernte.“
Markus 4,26–29
Es ist ein Bild von der Kirche, die gewachsen ist wie Kohl, man weiß nicht wie. Aber „sogleich“ (das häufig verwendete Wort „euthus“, ein echtes Markus-Wort, wird hier verwendet) ist die Ernte da. Es fällt schwer, dabei nicht an die Verfolgungen zu denken, denen die Kirche ausgesetzt war. Christus nachzufolgen bedeutet Jüngerschaft, bedeutet Leiden für die gute Sache.
Es gibt einen Text über die Thora, in dem Markus und Lukas sich deutlich von Matthäus unterscheiden [28]. In Matthäus 19,16–22 wird die Geschichte vom reichen jungen Mann wie folgt wiedergegeben:
16Da kam jemand zu Jesus und fragte ihn: „Meister, was Gutes muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ 17Er antwortete: „Warum fragst du mich nach dem Guten? Es gibt nur einen, der gut ist. Wenn du ins Leben eingehen willst, halte dich an seine Gebote.“ 18„Welche?“, fragte er. „Diese“, antwortete Jesus, „du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis ablegen, 19du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, und auch: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ 20Der junge Mann sagte: „Das halte ich ein. Was kann ich noch tun?“ 21Jesus antwortete ihm: „Wenn du vollkommen sein willst, geh nach Hause, verkaufe alles, was du besitzt, und gib den Erlös den Armen; dann wirst du einen Schatz im Himmel haben. Komm danach zurück und folge mir nach.“ 22Nach dieser Antwort ging der junge Mann betrübt weg; denn er hatte viel Besitz.
Im obigen Text heißt es: Es gibt nur einen, der gut ist (Neue Bibelübersetzung 2021 – niederländisch). Damit rückt die Übersetzung den Text jedoch zu sehr in Richtung Markus und Lukas. Wörtlich steht bei Matthäus nämlich etwas anderes: „Das Gute ist eins“, und damit ist die Tora gemeint, die Gebote. So lautet die rabbinische Auffassung von der Einheit der Tora.
Bei Lukas steht Folgendes: 18Ein hochrangiger Mann fragte ihn: „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ 19Jesus antwortete: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott“ (Lukas 18,18–19). Nun ist es sowohl bei Markus als auch bei Lukas zu einem Text geworden, der nicht von der Thora handelt, sondern von Jesus Christus. Wenn die Zwei Evangelien-Hypothese stimmt, hat Markus dies so von Lukas übernommen. Das deutet dann darauf hin, dass sowohl Markus als auch Lukas die Botschaft von Matthäus nicht richtig verstanden haben. Oder, vielleicht eine bessere Interpretation: Markus und Lukas haben die Frage bewusst auf Jesus Christus verlagert, weil sie seine Beziehung zum Vater betonen wollten. Er tritt an die Stelle der Thora. Das könnte durchaus sinnvoll sein, um so die Botschaft des Matthäus über die Thora in das griechisch-römische Lebensverständnis zu übersetzen.
Das passt auch zur Botschaft des Markus, dass Jesus vor allem der Sohn Gottes ist. Die Bezeichnungen „Sohn Davids“ und „Menschensohn“ sind für Markus weniger wichtig. Nach Ansicht vieler Exegeten will Markus eine falsche Christologie korrigieren, eine Christologie, die aus Jesus einen heroischen Gottessohn macht, und er will an deren Stelle den leidenden Knecht setzen. Jüngerschaft bedeutet auch, diesen Weg zu gehen [29]. Auf diese Jüngerschaft kommt es an, denn die Gemeinde in Rom muss in den Prüfungen durchhalten. Auch das Kapitel, in dem Jesus den Fall Jerusalems und das Ende ankündigt, Markus 13, ist viel straffer aufgebaut als die gleiche eschatologische Rede sowohl bei Matthäus als auch bei Lukas. Markus 13 enthält zum Beispiel die Worte:
9Was euch selbst betrifft: Seid auf der Hut. Ihr werdet vor Gerichte gezerrt und in Synagogen gegeißelt werden, und ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige treten müssen, um Zeugnis abzulegen. 10Denn zuerst muss allen Völkern die frohe Botschaft verkündet werden. 11Wenn ihr weggeführt werdet, um ausgeliefert zu werden, macht euch vorher keine Sorgen darüber, was ihr sagen sollt; sagt, was euch in diesem Moment eingegeben wird, denn nicht ihr seid es, die dann sprechen, sondern der Heilige Geist. 12Ein Bruder wird den anderen ausliefern, damit er getötet werde, und Väter werden dasselbe mit ihren Kindern tun, und Kinder werden sich gegen ihre Eltern wenden und sie töten lassen. 13Ihr werdet von allen um meines Namens willen gehasst werden, aber wer bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet werden (Markus 13,9–13).
Matthäus hat diese Worte zwar auch, aber bei Markus sind sie stärker hervorgehoben, und außerdem stehen diese Worte bei Matthäus an einer anderen Stelle. Er verwendet sie im Zusammenhang mit der Aussendung der Apostel und nicht in der apokalyptischen Rede. Bei Markus liegt der Schwerpunkt stets auf der Tatsache, dass Jüngerschaft Leiden mit sich bringt. Das deutet auf eine Situation langanhaltender Verfolgung hin, stärker als bei Matthäus oder Lukas. Verstoßen zu werden ist das unvermeidliche Schicksal der Gläubigen. Für Gott zu leben inmitten von Menschen, die aus religiösem Eifer dem Satan dienen, ist zwar tödlich, aber nur so kann ein Mensch am Tag des Gerichts für gerecht erklärt werden [30]. Die Rolle der Heiden ist dabei eine andere als die der Juden. Die Juden sind es, die richten, die Heiden sind diejenigen, die das Urteil vollstrecken. Die Welt und ihre Herrschaft rebellieren gegen Gott. „Gott und diejenigen, die sich seiner Herrschaft anvertrauen, können nur Leiden und den Tod erwarten. So sieht der Weg zum Leben aus, die Auferstehung“ [31].
Auch der Schluss der apokalyptischen Rede des Markus weist auf eine kritische Situation für die Nachfolger Jesu hin: „35Seid also wachsam, denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, am Abend oder mitten in der Nacht oder beim ersten Hahnenschrei oder am frühen Morgen. 36Er soll euch nicht schlafend vorfinden, wenn er plötzlich kommt. 37Was ich euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!“
Markus 13,35–37
7. Markus und Rom
Nach kirchlicher Überlieferung hat Markus sein Evangelium in Rom verfasst, entweder unter der Aufsicht des Petrus oder nach dessen Tod. Petrus hatte Zugang zu Soldaten der Reitertruppe der römischen Armee in Rom. Von dort kam die Bitte an Markus, das, was Petrus lehrte, aufzuschreiben. Petrus selbst bezeichnet Markus als seinen Sohn (1. Petrus 5,13). Häufig, und vor allem von protestantischer Seite, werden die kirchlichen Quellen, die dieses Auftreten des Petrus in Rom erwähnen, angezweifelt. Sie seien voreingenommen, weil sie Petrus als ersten Bischof von Rom darstellen wollten. Es gibt jedoch zahlreiche Gründe, warum diese kirchlichen Quellen dennoch zutreffend sein können. Wir haben bereits erwähnt, dass es in Palästina keine wilden Tiere gab, die in Markus’ Version der Versuchung in der Wüste erwähnt werden. In Rom gab es sie jedoch. Der wahre Jünger ist demselben Martyrium ausgeliefert wie Jesus Christus. Es handelt sich also um einen Hinweis auf die Verfolgungen. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass auch der erste Brief des Petrus (5,8) vom Satan als einem brüllenden Löwen spricht, der nach Beute sucht. Auch hier ein Bild, das zu Rom passt. Laut Longstaff [32] dauerten die Verfolgungen unter Nero zu kurz, um am Ursprung des Evangeliums zu stehen. Er denkt an die Zeit des Domitian. Van Kooten denkt an die Hafenstadt Cäsarea, und zwar so, dass Markus von einem römischen Soldaten geschrieben worden sei, der zum Christentum konvertiert sei und seinen Vorgesetzten klarmachen wolle, dass die Christen nicht mit den Juden gleichgesetzt werden dürften [33]. Caesarea diente den römischen Legionen als Ausgangsbasis in ihrem Kampf gegen den jüdischen Aufstand. Doch in dieser Interpretation wird die Bedeutung des Martyriums in Markus nicht deutlich. Markus will die Nachfolger Christi nicht vor Unannehmlichkeiten bewahren, sondern gerade erreichen, dass sie standhaft bleiben, auch wenn sie hart angegangen werden. Die Kirche in Rom besaß den Brief des Paulus an die Römer und das Markusevangelium. In der frühen Kirche war es üblich, die Briefe neben dem Evangelium zu lesen, und es lassen sich viele Parallelen zwischen Paulus und Markus aufzeigen. Eine dieser Parallelen ist der Satz, der in dem oben angeführten ausführlichen Zitat aus Markus 13,9–13 plötzlich auftaucht (Vers 10): „10 Denn zuerst muss allen Völkern die frohe Botschaft verkündet werden.“ Dort wird die Mission unter den heidnischen Völkern unmissverständlich gerechtfertigt.
Markus passt sehr gut zur Untergrundkirche in Rom, die Verfolgungen ausgesetzt war und standhalten musste [34]. Und deshalb ist für Markus offenbar die Macht Christi wichtiger als die Lehre Christi. Das passt wiederum gut zu Dungans Auslegung des ersten Petrusbriefes [35]. Dieser Brief bietet eine gewisse Moralisierung der Theologie des Paulus über Sünde, Gesetz, Gerechtigkeit und Gnade sowie den Geist. So schreibt Petrus:
„13 Übrigens, wer würde euch Böses antun, wenn ihr euch ganz dem Guten verschreibt? 14 Aber selbst wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leiden müsstet, seid ihr dennoch selig zu preisen. Fürchtet euch daher nicht vor den Menschen und lasst euch durch nichts verwirren“ (1. Petrus 3,14).
Hier wird der Dialektik zwischen menschlicher Verlorenheit und Gottes Gnade trotz der paulinischen Sprache eine moralistische Wendung gegeben. Dafür lassen sich weitere Beispiele anführen. Die Gerechtigkeit Gottes wird so zu einem anzustrebenden Ziel. Außerdem hat dieser Brief eigentlich nichts Originelles zu sagen. Der Brief bietet eine solide ausgewogene Zusammenfassung des christlichen Glaubens. Das mag ein wenig bürokratisch wirken, aber man kann auch sagen, dass der Verfasser des Petrusbriefes sein Bestes getan hat, um hitzige Debatten zu vermeiden, wie sie zwischen den Anhängern des Paulus und den strengen Christen aus dem jüdischen Volk herrschten. Auch die Lehre Jesu wird in diesem Brief nicht erwähnt, wohl aber die Person und ihre Taten, das Beispiel des Gehorsams bis in den Tod hinein. Schließlich wird Silvanus als Verfasser des Briefes genannt (1. Petrus 5,12). Das ist derselbe Silvanus, der Paulus auf seinen Missionsreisen begleitete und der in der Apostelgeschichte auch den Brief aus Jerusalem nach Antiochia überbrachte, in dem es um den Beschluss des Apostelkonzils über das Gesetz und die Beschneidung für die Heiden ging. Auch damals spielte er eine vermittelnde Rolle. Der Brief des Petrus ist an die Gemeinden in Kleinasien gerichtet, genau jenem Gebiet, in dem Paulus viel gewirkt hat. Könnte es nicht sein, dass dieser Brief geschrieben wurde, um die Spannungen zwischen beiden Parteien zu überbrücken und zu beseitigen, gerade weil es in jenem Moment darauf ankam, in den Verfolgungen standhaft zu bleiben? Genau wie Markus ruft auch Petrus zur Wachsamkeit auf (1 Petrus 1,13).
Diese Auslegung der Petrusbriefe steht im Einklang mit Orchards Darstellung der möglichen Entstehung der synoptischen Evangelien. Er datiert Matthäus auf etwa zehn Jahre nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi. Matthäus spiegelt, wie ich bereits sagte, die Verhältnisse in Israel um diese Zeit wider. Orchard geht nicht so weit wie Goulder, der Matthäus als Teil des Lagers der konservativen Christen aus dem jüdischen Volk interpretiert, die die Speisegesetze und die Beschneidung auch für die heidnischen Völker beibehalten wollten. Er erkennt jedoch an, dass Matthäus den Bedürfnissen der christlichen Gemeinden aus den heidnischen Völkern nicht ausreichend gerecht wird. Die Kombination aus Lukas und Apostelgeschichte liefert eine Interpretation des Weges Christi und der Gemeinde, die viel besser darauf zugeschnitten ist. Orchard geht davon aus, dass Petrus und Paulus stets in Kontakt geblieben sind, gerade auch weil Menschen wie Silvanus und Markus sowohl Petrus in Rom als auch Paulus auf seinen Missionsreisen unterstützt haben [36]. Die Gefangenschaft des Paulus in Rom könnte laut Orchard für Petrus Grund genug gewesen sein, ebenfalls nach Rom zu reisen. Zwischen 62 und 64 und vielleicht auch länger haben sie gemeinsam Rom evangelisiert. Für die Niederschrift des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte muss Lukas eine längere Zeit der Ruhe und Besinnung gehabt haben, und seine Anwesenheit während der Gefangenschaft des Paulus in Cäsarea hat diese Möglichkeit geboten. Es hat ihm zudem die Gelegenheit gegeben, die Schauplätze des Evangeliums selbst zu besuchen. In seinem Evangelium ist die Geografie jedenfalls viel präziser als bei Matthäus und Markus. Einer der Gründe für Paulus, sich auf den Kaiser zu berufen und nach Rom zu reisen, könnte daher gewesen sein, dass er von Rom und von Petrus Zustimmung für diese Schriften des Lukas einholen wollte, um damit den Christen aus den heidnischen Völkern erst wirklich einen gleichberechtigten Platz in der Kirche zu bieten [37]. In seinen Vorträgen vor Angehörigen der römischen Reitertruppe ist Petrus diesem Wunsch nachgekommen, und Markus hat die Aufzeichnungen davon bewahrt und in sein Evangelium einfließen lassen. Im Wesentlichen ist das Markusevangelium das Ergebnis davon. Damit ist Petrus dem Wunsch des Paulus und der Seinen tatsächlich nachgekommen. Denn in seiner Kürze, seiner Umgangssprache, seinen von Petrus entlehnten Bildern folgt Markus, in den Fußstapfen von Petrus, zu einem großen Teil der Reihenfolge und den Formulierungen von Lukas. So Orchard. Er unterstreicht damit die Mittelstellung von Markus zwischen Lukas und Matthäus, so wie auch Petrus versucht hat, eine Mittelstellung einzunehmen, um die Gemeinde zusammenzuhalten. Das könnte sein. In seiner Auslegung widmet er den drohenden oder bereits stattfindenden Verfolgungen in Rom weniger Aufmerksamkeit. Aber genau das könnte auch der Zusatz sein, den Markus bei der Niederschrift des Evangeliums nach dem Tod von Petrus und Paulus hinzugefügt hat.
8. Der Berg der Verklärung, die Jüngerschaft und das leere Grab
Markus betont immer wieder das Unverständnis der Jünger. Auch sie gehören meist zu denen, die sehen und dennoch blind sind. Vor allem Petrus kommt dabei schlecht weg. Es wurde daher vermutet, dass Markus gerade von den Aposteln und von Petrus nicht viel hält. Andere argumentieren genau das Gegenteil: Es muss Petrus selbst gewesen sein, der Markus den Auftrag gab, ihn als schwachen und sündigen Menschen darzustellen. Er wollte sich nicht zu schön machen [38]. Daraus würde sich dann ergeben, dass er die Lektionen wahrer Jüngerschaft inzwischen gelernt hat: nicht herrschen, sondern dienen, nicht an der Spitze stehen, sondern der Geringste sein. Die Jünger bei Markus verstehen es, verstehen es aber zugleich nicht [39]. Sie verstehen es nur in der Theorie, während die Praxis unverändert bleibt. Wörtlich genommen verstehen sie es, aber sie sind auch wie der Mann, der sagen muss: Ich glaube, hilf meinem Unglauben (Markus 9,24). Markus merkt ausdrücklich an, dass Jesus gegenüber der Außenwelt stets in Gleichnissen spricht, aber nur dem inneren Kreis der Jünger Erklärungen gibt. Die Dämonen verstehen es zwar sofort, aber auch ihnen wird aufgetragen, nicht über das Geheimnis zu sprechen. Als ob es verborgen bleiben müsse. Es könnte sein, dass diese Kommunikationsstrategie gegen die Gnostiker gerichtet ist [40]. Die Gnostiker sprechen ja immer von einem tieferen Geheimnis hinter der Wirklichkeit, von Wissen für Eingeweihte. Sie suchen gerne das Mysterium hinter der Wirklichkeit, sie suchen nach einem Geheimnis, das diese Welt doch nicht fassen kann, und wohin sie nach diesem Leben zurückkehren. Es könnte sein, dass Markus mit dem Gedanken an ein Mysterium spielt, um die Gnostiker anzulocken, um ihnen dann Schritt für Schritt klarzumachen, dass es in seinem Evangelium nur ein Geheimnis gibt: das der Jüngerschaft und der Nachfolge Christi im Leiden. Das ist das wahre Geheimnis für Eingeweihte! In diesem Geheimnis tauschen Tod und Leben die Plätze, und darin zeigt Jesus seine Macht über den Tod [41]. Das ist das Geheimnis der Kreuzigung.
Vier Jünger werden zu Beginn ausgewählt: Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas, in Markus 1,16–20. Diese vier empfangen auch die Offenbarung auf dem Berg. Diese sogenannte Verklärung auf dem Berg findet bei Cäsarea Philippi statt, gegründet von Philippus, dem Bruder des Herodes, als Regierungszentrum seines Gebiets. Deshalb bedeutet die Verklärung auf dem Berg auch eine Herausforderung an die Machthaber, und zugleich ist sie die Adoption Jesu zum Sohn Gottes, wie es bereits am Anfang des Evangeliums geschah, nun aber erneut und in Anwesenheit von Zeugen, wie es auch der römische Adoptionsbrauch verlangte [42]. Doch das Geheimnis der Verherrlichung ist die Kreuzigung. Der Höhepunkt ist der Tiefpunkt.
Erneut ist ein Verweis auf die Briefe des Petrus angebracht, diesmal auf den 2. Petrusbrief. Dort verweist Petrus auf die Erscheinung des Herrn auf dem Berg als den zentralen Moment seines Lebens und Sterbens, den Moment, der auch das eigene Handeln des Petrus legitimiert.
„Als wir euch die herrliche Ankunft unseres Herrn Jesus Christus verkündeten, stützten wir uns nicht auf kluge Erfindungen – im Gegenteil, wir haben seine Größe mit eigenen Augen gesehen. 17Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit, als die Stimme der majestätischen Herrlichkeit zu ihm sprach: ‚Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Wohlgefallen.‘ 18Diese Stimme haben wir selbst aus dem Himmel erschallen hören, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. 19Dadurch ist unser Vertrauen in die Worte der Propheten nur noch gewachsen. Ihr tut gut daran, eure Aufmerksamkeit stets darauf zu lenken, wie auf eine Lampe, die in einem dunklen Raum leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht.“
2. Petrus 1,16–19
„Ich war dabei!“, sagt Petrus. Auch in diesem zweiten Brief ruft Petrus in schwierigen Zeiten zur Treue auf. Das Bibelzitat zeigt zunächst, dass diese Verklärung auf dem Berg für Petrus von großer Bedeutung war. Schließlich erwähnt er hier nicht die Auferstehung, was man vielleicht erwarten würde. Ist die Verklärung auf dem Berg etwa die Auferstehung selbst? Zweitens belegt das Bibelzitat, dass Petrus mit der römischen Kaiserideologie und dem ägyptischen Erbe vertraut ist, sowie mit der Bedeutung des Sterns Sirius in diesem Kontext. Sirius ist der Morgenstern, der um den 19. Juli das Aufgehen des Nils am Horizont ankündigt. Doch wenn Jesus Christus und nicht der Kaiser der Sohn Gottes ist, verliert das Uhrwerk des Reiches und des Kosmos seine letzte Bestimmung. Der Morgenstern wurde in Ägypten als Göttin (Isis) verehrt, weil sie die fruchtbare Jahreszeit der Erde einläutete. Der wahre Morgenstern ist wie eine Lampe, die in der Dunkelheit leuchtet, und diese Lampe bringt den Tag – nun in die Herzen der Menschen. Der wahre Morgenstern ist Jesus Christus. Dies deckt sich mit Bemerkungen im ersten Brief, die auch Petrus’ Kenntnis der römischen Kaiserideologie belegen:
„4Schließt euch ihm an, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott wegen seines Kostbarkeit auserwählt wurde, 5und lasst euch auch als lebendige Steine zum Bau eines geistlichen Tempels verwenden. Bildet eine heilige Priesterschaft, um geistliche Opfer darzubringen, die Gott wohlgefällig sind, dank Jesus Christus.“
1 Petrus 2,4–5
In der Kaiserideologie Ägyptens und Roms, wie überall sonst auch, ist ein Tempel ein Abbild des Kosmos. Der Kosmos ist die kaiserliche Maschinerie des Agrarkalenders, die den Rhythmus des Lebens bestimmt, mit dem Kaiser an der Spitze. Doch hier ist Jesus der Eckstein des wahren Tempels, und dieser wahre Tempel ist nicht aus Stein, sondern aus lebendigen Leibern erbaut. Jesu Leib ersetzt den Tempel. Der Leib Jesu auf Erden ist die Kirche.
Das Markusevangelium enthält übrigens keine Auferstehungsberichte. Das heißt, in etwa der Hälfte der Handschriften endet die Geschichte damit, dass die Frauen vom Grab fliehen, wo sie Jesus zur Salbung erwartet hatten. Doch das Grab ist leer, und ein junger Mann in einem weißen Gewand verkündet ihnen die Auferstehung Jesu. Dann lesen wir: „8Da flohen sie vom Grab, denn sie waren von Furcht und Schrecken ergriffen. Sie waren so erschrocken, dass sie niemandem etwas sagten“ (Markus 16,8). Es ist ein ungewöhnliches Ende. Aber vielleicht ist es so beabsichtigt: Das Evangelium endet mit einem offenen Ende. Wenn die fliehenden Frauen ein Sinnbild für die Gemeinde sind, die Jesus eigentlich folgen soll, aber aus Angst die Flucht ergreift und niemandem etwas sagt, wird dem Leser damit die Frage gestellt: Und nun du! Wer bist du? Wo stehst du? Es ist möglich, ja durchaus denkbar, das Evangelium so zu interpretieren, dass dies auch Markus’ Absicht war. Es entspricht seiner Botschaft. Hier musst du zeigen, dass auch du das Geheimnis verstehst. Und Verständnis bedeutet: ein Jünger zu sein. Darauf folgt ein Schluss, der möglicherweise später entstand und vielleicht sogar von Markus selbst stammt. Er enthält viele für Markus typische Formulierungen. Dennoch stellt er eine Zusammenfassung dessen dar, was die anderen Evangelien bieten. Man kann ihn auch so deuten, dass Markus diese Worte selbst als eine Art zweiten Schluss hinzufügte, um die Geschichte abzurunden. Das ist Orchards Ansicht. Es ist möglich, dass die erste Fassung des Evangeliums in Rom als Mitschriften der Lesungen kursierte, die Petrus für die Mitglieder des Römischen Reiches hielt. Nach Petrus’ Tod hätte Markus dann eine zweite Fassung des Evangeliums erstellt und diese schließlich veröffentlicht.
Markus legt nicht allzu viel Wert auf Wunder. Wenn die Menschen in Nazareth Jesus nicht glauben, kann er nichts tun, keine Wunder, so sagt Markus. Auch hier, am zweiten Ende des Markusevangeliums, spricht Markus von Wunderzeichen, die auf die Verkündigung folgen. Sie folgen nur.
Keine Geburtsgeschichten, keine Predigten, keine Auferstehungsgeschichten – es ist, als ob Markus ein Evangelium ohne viel Aufhebens haben möchte. Es passt zum römischen praktischer Ansatz. Es passt auch zu seinem Widerstand gegen die aufkommende gnostische Lehre, mit seine Vorliebe für Mysterium und Fantasie und mit seiner Weigerung, eine Position einzunehmen, die etwas kostet. Es passt auch zur aktuellen praktischen Zuspitzung: Stehen Sie für die Sache ein, auch wenn Ihnen das Feuer bis ans Schienbein geht?
9. Markus als Person
Im Text „Die Frucht der Lippen“ macht Rosenstock-Huessy unter anderem auf den Wandlungsprozess aufmerksam, den die Apostel durchmachten. Dann erwähnt er Matthäus, Petrus, Johannes und Lukas. Er erwähnt Markus nicht, aber Markus hätte es auch verdient, erwähnt zu werden! Das möchte ich hier gerne nachholen. Schließlich muss Markus etwas zugestoßen sein, zumindest wenn die kirchliche Überlieferung hier stimmt, dass der Markus, der das Markusevangelium schrieb, derselbe ist wie der Markus, der einige Zeit mit Paulus verbrachte.
Markus gehörte zum engeren Kreis der Kirchengemeinde in Jerusalem. Als Petrus auf wundersame Weise befreit wird, klopft er mitten in der Nacht an die Tür des Hauses Marias, der Mutter von Johannes Markus (Apostelgeschichte 12,12). Offenbar wurde an ihrer Adresse eine Hauskirche gegründet, was von einer wohlhabenden Familie zeugt. Er ist auch der Cousin von Barnabas, der zu Beginn der Apostelgeschichte ein Stück Land verkauft und den Erlös den Aposteln in Jerusalem zur Verfügung stellt und später mit Paulus auf die erste Missionsreise geht. Markus kommt auch mit, aber er beendet die Reise nicht. Von Zypern, dem ersten Ziel, reist er zurück – Barnabas kam aus Zypern – es ist nicht klar, warum. Ist der Boden unter seinen Füßen schon zu heiß geworden? Einen Grund nennt Lucas nicht, aber genau deshalb vermutet man: Lucas verschont ihn. Paulus will ihn nicht auf die zweite Missionsreise mitnehmen. Dies führt dazu, dass Barnabas und Markus erneut nach Zypern reisen und Paulus Silvanus (den späteren Verfasser des Petrusbriefes) mitnimmt. Von diesem Moment an tritt auch Lucas in die Geschichte ein. Aber auch Markus kommt wieder ins Spiel. Sowohl er als auch Lukas unterstützen Paulus während seiner Gefangenschaft in Cäsarea. Paulus erwähnt ihn in Kolosser 4,10 als einen der Menschen, von denen er Grüße überbringt, in Philemon 1,24 nennt er ihn einen seiner Mitarbeiter, in 12. Timotheus 4,11 bittet er Timotheus, Markus mitzunehmen, weil Markus im Dienst sehr „nützlich“ sei. Und später treffen wir Markus in Rom als Petrus’ Sekretär und Verfasser des Evangeliums. Peter nennt ihn sogar „mein Sohn“.
In Markus 14,51-52 spricht der Evangelist Markus selbst, als die Jünger flohen, als Jesus gefangen genommen wurde, von einem jungen Mann, der nur ein Leinengewand trug und versuchte, Jesus zu folgen, aber fast gefangen genommen wurde und sein Gewand in den Händen seiner Verfolger zurückließ. Er rannte nackt davon. Könnte es sein, dass sich Markus hier in das Gemälde einfügt? Könnte es symbolisch gemeint sein: Er wollte Jesus nachfolgen, aber der Boden unter seinen Füßen wurde zu heiß? In Markus 16:5 sehen die Frauen, als sie das leere Grab betreten, einen jungen, weiß gekleideten Mann sitzen. Er verkündet ihnen die Auferstehung. Könnte sich Markus hier wieder in die Geschichte eingefügt haben? Er ist jetzt der Verkünder der Auferstehung in weißen Gewändern. Wer anfänglich Angst hatte, nahm Mut und wurde ein Jünger, der dem Herrn folgte und „ein weißes Gewand“, die Kleidung der Heiligen, trug. Ein Nachweis ist hier natürlich nicht möglich. Aber es ist ein faszinierender Gedanke. Und – kann der junge Mann im weißen Gewand noch ein Engel sein, der die Geschichte ausschmückt – niemand weiß eigentlich, was er mit diesem bemerkenswerten Text über diesen jungen Mann anfangen soll, der nackt flieht. Der Überlieferung nach ging Markus schließlich nach Alexandria, nach Ägypten, dem Herzen der Reichsideologie. Er brachte sein Evangelium mit aus Rom.
[1] Zo Dungan, D. L., 1983.The Purpose and Provenance of the Gospel of Mark according to the “Two-Gospel” (Owen-Griesbach) Hypothesis, in New Synoptic Studies, The Cambridge Gospel Studies and beyond, Ed. William Farmer, Mercer University Press, pp. 411-441, p.412.
[2] Bauckham, Richard, 2006. Jesus and the Eyewitnesses – The Gospels as Eyewitness Testimony, Eerdmans, Grand Rapids, Michigan.
[3] Watson, F., 2016. The Fourfold Gospel, A Theological of reading of the New Testament Portrays of Jesus, Baker Academic, Grand Rapids, Michigan, 119.
[4] Van Kooten, G.H., 2026. Echo’s van het goede nieuws. De evangeliën in context, toen en nu, Kok Boekencentrum.
[5] Porter, S.E., Dyer, B.R., eds., 2016. The Synoptic Problem, Baker Academic, a division of Baker Publishing Group.
[6] Zie Peabody, B., e.a., 2002. One Gospel from Two; Mark’s Use of Matthew and Luke, Trinity Press International, Harrisburg, London, New York, en:
McNicol, A.J., e.a., 1996. Beyond the Q impasse: Luke’s use of Matthew, Trinity Press, Harrisburg, London, New York.
[7] Matthäus spiegelt in sechs große Reden die fünf Bücher der Thora plus Josua. Eigentlich sind es fünf große Reden und die Geschlechterliste am Anfang die den Ursprung, den “Genesis” von Jesus erzählt, siehe Farrer, A.M., 1955. On Dispensing With Q; D. E. Nineham (ed.), Studies in the Gospels: Essays in Memory of R. H. Lightfoot (Oxford: Blackwell, 1955), pp. 55-88, © 1955 Basil Blackwell, op de website van Mark Goodacre: https://www.markgoodacre.org/Q/farrer.htm, 30-3-2026.
[8] Goulder, M. 1994., St. Paul versus St. Peter, A Tale of Two Missions, Westminster John Knox Press Louisville, Kentucky , p. 32 e.v.
[9] Orchard, B., Riley, H. 1987. The Order of the Synoptics; Why Three Synoptic Gospels?, Mercer University Press, Georgia, p. 235, zie aldaar voetnoot 7.
[10] Goulder, Ibid p. 46 e.v..
[11] Zo Dungan 1983, Ibid. p. 417.
[12] Zie Davis, C.T., 1983. Mark, the Petrine Gospel, in New Synoptic Studies, The Cambridge Gospel Studies and beyond, Ed. William Farmer, Mercer University Press, p. 461.
[13] Orchard Ibid p. 274.
[14] Peppard, M., 2011. The Son of God in the Roman World, Divine Sonship in its Social and Political Context, Oxford, p. 46.
[15] Peppard Ibid p. 26.
[16] Peppard Ibid p. 46.
[17] Ovidius widmet einige Dichtregel daran , siehe Peppard Ibid p. 63.
[18] Peppard Ibid p. 101.
[19] Siehe auch Farmer, W.R., 1964.The Synoptic Problem – a critical review of the problem of the literary relationships between Matthew, Mark, and Luke”, McMillan, New York, p. 89.
[20] Davis Ibid 444.
[21] Parker, P., 1983. The Posteriority of Mark, in New Synoptic Studies, The Cambridge Gospel Studies and beyond, Ed. William Farmer, Mercer University Press, pp.67 – 143.
[22] Kippenberg, H.G., 1978. Religion und Klassenbildung im antiken Judäa –Eine religionssoziologische Studie zum Verhältnis von Tradition und gesellschaftlicher Entwicklung, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, p. 116.
[23] Der Name Semele ist etymologisch verwandt mit dem griechischen Wort für Erde, siehe Otto, W.F. 1939. Dionysos, Mythos und Kultus, Klosterman Frankfurt am Main, p. 66, 67.
[24] Siehe Parker Ibid p. 84.
[25] Siehe darüber auch Davis Ibid p. 445.
[26] Otto Ibid, 90. Ist es Zufall das an Petrus in Apostelgeschichte 12, 7 dasselbe geschieht wenn ihn ein Engel in der Nacht befreit?
[27] Davis, C.T., 1978. Speaking of Jesus; towards a theology of the Periphery, CSA Press Lakemont, Georgia, p 448, zie ook p. 183.
[28] Hierüber näheres bei Longstaff, T.R.W., 1983. Crisis and Christology; the Theology of Mark, in New Synoptic Studies, The Cambridge Gospel Studies and beyond, Ed. William Farmer, Mercer University Press, p. 376.
[29] Longstaff Ibid p. 380.
[30] Davis Ibid p. 190.
[31] Davis Ibid p. 193.
[32] Longstaff Ibid p. 386.
[33] Van Kooten Ibid p. 7.
[34] So auch der Historiker Outler 240 in Outler, A.C., 1983. Canon Criticism and the Gospel of Mark, in New Synoptic Studies, The Cambridge Gospel Studies and beyond, Ed. William Farmer, Mercer University Press.
[35] Dungan Ibid p. 419.
[36] Orchard Ibid p. 257.
[37] Orchard Ibid p. 252.
[38] So Zum Beispiel, in Chapman, J., 1937. Matthew, Mark and Luke – a Study in the Order and Interrelation of the Synoptic Gospels, Longmans, Green and Co., London, pp. 44 – 54.
[39] Dungan Ibid p. 454.
[40] Dungan Ibid p. 441.
[41] Dungan Ibid p. 453.
[42] Peppard Ibid p. 127.