Farmer: Markus nach Lukas

In seinem Buch über das synoptische Problem [1] gibt William R. Farmer einen Überblick über die Geschichte der Auffassungen über die drei Evangelien und der Forschung zu ihnen. Er zeigt , dass die Interpretationen der Evangelien im Laufe der Geschichte historischen Moden unterlagen und nicht nur fundierter Forschung. Gleichzeitig versucht er, sich den Texten der Evangelien sorgfältig und methodisch zu nähern, um so Schritt für Schritt festzustellen, was die Texte selbst über die gegenseitigen Beziehungen und die Reihenfolge der Evangelien aussagen.

Das gelingt natürlich nie ganz. Eine vollständige und endgültige Lösung des synoptischen Problems ist nicht möglich, denn dann müssten alle Optionen gleichermaßen ausführlich beschrieben werden. Das wird niemals gelingen. Denn die Erforschung der Auslegung der Evangelien gleicht dem Schwimmen im Ozean. Man kann niemals alle Ansätze überblicken. Man muss es also so gut wie möglich machen. Die Alternative zu einer endgültigen und objektiven Forschung besteht darin, bewusst aus einem bestimmten Blickwinkel über das Problem zu schreiben. Dabei muss jedoch ein gewisser Grad an Wahrscheinlichkeit angegeben werden [2].

Farmer bringt dazu folgenden Standpunkt vor: Matthäus war der Erste und Lukas der Zweite. Matthäus wurde von Lukas verwendet, der wahrscheinlich auch der Verfasser der Apostelgeschichte ist. Lukas ist jedoch unabhängig von Matthäus zur Struktur seines Evangeliums gelangt. Dieser Standpunkt ist nicht neu. Im Gegenteil, die Werke der Forscher, die diesen Standpunkt vertreten, sind laut Farmer logisch überzeugender als andere. In früheren Kapiteln hat Farmer bereits gezeigt, dass dieser Ansatz zugunsten einer weniger überzeugenden Lösung aufgegeben wurde. Markus wurde dadurch als das älteste Evangelium angesehen. Insbesondere Griesbach und Owen haben hingegen bereits im 18. Jahrhundert auf ihre Weise gezeigt, dass Markus das dritte Evangelium ist, nach Matthäus und Lukas [3].

Das ist es, was Farmer Schritt für Schritt erläutern möchte. Dabei geht es nicht um die Logik einer Kette, sondern um ein Netz unzähliger Argumente, die zu der Schlussfolgerung führen, dass es historisch am wahrscheinlichsten ist, dass Markus nach Matthäus und Lukas geschrieben wurde und von beiden abhängig ist [4]. Wir folgen  Farmers Logik

  Schritt für Schritt.

Schritt 1: Matthäus, Markus und Lukas ähneln sich so sehr, dass zumindest nachweisbar eine gewisse literarische Abhängigkeit besteht.

Der Grad der wörtlichen Übereinstimmung ist ebenso hoch oder höher als bei Dokumenten, von denen bekannt ist, dass der Verfasser des einen Dokuments das andere kopiert hat. Daher ist dies der naheliegendste Ansatz. Eine andere Erklärung ist nicht ausgeschlossen, aber dann muss nachgewiesen werden, dass dies eine bessere Erklärung ist. Hier gilt der Grundsatz einer gewissen Sparsamkeit bei Hypothesen. Man sollte keine Hypothese hinzufügen, wenn es nicht notwendig ist.

Schritt 2: Logisch gesehen gibt es 18 Möglichkeiten, wie drei Dokumente voneinander abhängig sein können.

Schritt 3: Man kann unendlich viele Variationen hinzufügen, aber ein Kritiker sollte keine hypothetischen Dokumente behaupten, wenn er nicht zuvor versucht hat, ohne sie auszukommen.

Schritt 4: Nur sechs dieser 18 können zutreffen. Das liegt daran, dass in den Evangelien jeweils zwei gegenüber einem dritten übereinstimmen. Dadurch scheiden 12 aus.

Denn: Welcher Evangelist auch immer der dritte war, er musste mit zwei Evangelien arbeiten, zwischen denen bereits eine direkte literarische Abhängigkeit bestand. Man kann natürlich von allen drei Evangelisten behaupten, dass sie der erste waren, aber dann bleiben in Bezug auf die anderen beiden Evangelien jeweils nur zwei Möglichkeiten übrig. Zusammen sechs.

Schritt 5: Es gibt nachweisbare und feststellbare Kategorien literarischer Phänomene, die sich besser erklären lassen, wenn Markus der dritte ist, als wenn Matthäus oder Lukas der dritte ist.

Das sind:

1. Reihenfolge und Inhalt

2. Die sogenannten kleinen textlichen Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas gegenüber Markus.

3. Es besteht eine bemerkenswerte positive Korrelation zwischen der Reihenfolge und dem Grad der Ähnlichkeit zwischen Matthäus und Markus einerseits und Lukas und Markus andererseits. Markus stimmt meist eher mit Matthäus überein, wenn Markus und Matthäus zusammen eine andere Reihenfolge haben als Lukas. Markus stimmt jedoch meist eher mit Lukas überein, wenn Markus und Lukas zusammen eine andere Reihenfolge der Erzählungen haben.

Schritt 6: Die literarischen Phänomene der Reihenfolge und des Inhalts des Textmaterials in jedem der synoptischen Evangelien lassen sich am besten mit der Hypothese erklären, dass Markus nach Matthäus an erster Stelle und nach Lukas an zweiter Stelle steht.

Mit einer einzigen Ausnahme weicht Markus in seinem Text nie von der Reihenfolge ab, die entweder bei Matthäus oder bei Lukas oder bei beiden zu finden ist, sofern diese in der Reihenfolge übereinstimmen. Die auffälligste Übereinstimmung zwischen Matthäus und Lukas gegenüber Markus findet sich in der Erzählung über die Tempelreinigung durch Jesus. Matthäus und Lukas setzen diese auf denselben Tag wie den Einzug in Jerusalem. Markus setzt es auf den nächsten Tag. Das lässt sich leicht erklären, wenn man annimmt, dass er Matthäus und Lukas folgt, dies aber nicht sklavisch tut, sodass er hier abweicht, weil es ihm aus irgendeinem Grund gelegen kommt.

Fast immer entspricht die Reihenfolge bei Markus der von Matthäus und Lukas oder der eines der beiden. Das lässt sich leicht erklären, wenn Markus der Dritte ist. Wenn er aus welchen Gründen auch immer nicht beiden Quellen folgen kann oder will, entscheidet er sich für die eine oder die andere. Dabei übernimmt er dann natürlich auch charakteristischere Formulierungen von demjenigen, dem er folgt [5]. Zwar ist es möglich, unter der Annahme von Q zu behaupten, dass Matthäus und Lukas manchmal unabhängig voneinander dieselbe Reihenfolge und denselben Inhalt haben. Doch diese Hypothese kann nicht erklären, dass Lukas Markus immer dann folgt, wenn Matthäus abweicht, und dass Matthäus Markus immer dann folgt, wenn Lukas abweicht. Nach der Zwei-Quellen-Theorie dürften sie nämlich nicht voneinander wissen, was der andere tut. Man kann auch von der Lösung des Augustinus ausgehen, dass die Evangelisten einander kannten und in der Reihenfolge Matthäus, Markus, Lukas gelesen haben. Doch dann müsste Lukas einen Grund haben, in allen Fällen Markus zu folgen, wo Matthäus von Markus abweicht. Das gleiche Problem stellt sich, wenn man annehmen möchte, dass Matthäus an dritter Stelle steht. So bleiben zwei Möglichkeiten: entweder die Reihenfolge Matthäus – Lukas – Markus oder Lukas – Matthäus – Markus.

Schritt 7: Die wenigen Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas bilden eine Kategorie von Phänomenen, die sich besser erklären lässt, wenn Markus als dritter Autor angenommen wird [6]. Die Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas im Vergleich zu Markus sind zahlenmäßig deutlich geringer als die Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Markus im Vergleich zu Lukas und die Übereinstimmungen zwischen Markus und Lukas im Vergleich zu Matthäus. Die naheliegendste Erklärung dafür ist, dass Markus der dritte Autor ist. Angenommen, man würde annehmen, dass Lukas der dritte ist, dann müsste er Matthäus oft übernehmen, wenn dieser dem Text des Markus folgt, denn er hätte ja beide Texte vor sich liegen. Er übernimmt jedoch niemals Matthäus, wenn Matthäus von Markus abweicht. Dann folgt er immer Markus, und das, obwohl er selbst oft genug von Matthäus und Markus an Stellen abweicht, an denen diese übereinstimmen. Das ist seltsam.

Schritt 8: Wo die Reihenfolge gleich ist, gibt es auch mehr Übereinstimmung in der Wortwahl zwischen den verschiedenen Evangelien. Auch das spricht dafür, dass Markus nach Matthäus und Lukas steht. Es liegt natürlich auf der Hand, dass man mehr Wörter aus dem Text übernimmt, dem man genauer folgt.

Schritt 9: Die redaktionelle Vorgehensweise des Markus wird unter der Hypothese verständlich, dass er sein Evangelium in erster Linie auf Matthäus und Lukas gestützt hat.

Schritt 10: Die wahrscheinlichste Erklärung für die zahlreichen Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas ist, dass sie auf das Werk des anderen zurückgegriffen haben.

Das schließt übrigens nicht aus, dass sie auch noch andere gemeinsame Quellen hatten. Die Gestaltung von Matthäus und Lukas ist in der Literatur einzigartig. Es handelt sich gleichzeitig um einzigartige und sehr ähnliche literarische Werke. Das kommt kaum vor [7].

Schritt 11: Die Hypothese, dass Lukas auf Matthäus zurückgegriffen hat, stimmt mit den einleitenden Worten seines Evangeliums überein. Lukas spricht von einem Bericht über das, was geschehen ist, an dem bereits viele mitgewirkt haben. Das Wort „Bericht“ steht im Singular, und es könnte also sein, dass er einfach Matthäus meint und dass er dieses Buch als ein Werk betrachtet, an dem viele mitgearbeitet haben. Außerdem geht es in diesen einleitenden Worten des Lukas um „Erfüllung“, und genau das ist das Leitmotiv des Matthäus: die Erfüllung der Prophezeiungen in Jesus Christus [8].

Nach den Maßstäben der hellenistischen Geschichtsschreibung war Matthäus nicht zufriedenstellend. Es gibt zum Beispiel doppelte Versionen von Geschichten oder es wird  kein guter Grund genannt, warum Jesus von Nazareth nach Kapernaum zog, und erst später in der Erzählung wird berichtet, wie die Menschen in Nazareth ihn abgelehnt haben; die Bergpredigt richtet sich an die Jünger, aber erst nach der Bergpredigt werden die Jünger berufen. All das ist in der hellenistischen Geschichtsschreibung ungewöhnlich.

Schritt 12: Wenn wir annehmen, dass eine direkte literarische Abhängigkeit zwischen Matthäus und Lukas besteht, dann zeigt die interne Evidenz der Texte, dass die Richtung dieser Abhängigkeit von Lukas zu Matthäus verläuft.

Farmer nennt einige Beispiele. In Matthäus 10,5 erhalten die Jünger den Auftrag, nicht zu den Heiden zu gehen, und in Matthäus 24,20 findet sich die Passage, in der dafür gebetet wird, dass die Flucht aus Jerusalem, wenn es soweit ist, nicht im Winter oder „an einem Sabbat“ stattfinden möge. Das sind Worte, die in Markus und Lukas fehlen, und Worte, die immer weniger verständlich werden, je weiter sich die Grenzen der christlichen Bewegung vom Ursprungsort entfernen.

Matthäus bedient sich zudem häufig der semitischen Parallelität. Es wird angenommen, dass dies während der ersten Phase der mündlichen Überlieferung eine hilfreiche Methode war. Parallele Formulierungen, die sich teilweise auch wiederholen, lassen sich leichter merken. Als das Evangelium dann zum ersten Mal niedergeschrieben wurde, wurde diese Vorgehensweise natürlich zunächst beibehalten. In zweiter Linie setzt dies die Kritik der Redundanz frei. Das deutet darauf hin, dass Lukas, der diese Parallelität immer wieder durchbricht, später entstanden ist.

Schritt 13: Der externe Beweis spricht gegen die Hypothese, dass Matthäus nach Lukas geschrieben worden sei. Damit meint Farmer das Zeugnis der Kirchenväter, das in dieser Hinsicht recht eindeutig ist. Wäre Lukas früher geschrieben worden, wäre Matthäus eine judaisierende Version von Lukas. In diesem Fall wäre es unerklärlich, dass die westliche Kirche, die den Kanon festgelegt hat, Matthäus einstimmig diesen Ehrenplatz eingeräumt hätte.

Schritt 14: Das Gewicht der externen Beweise spricht gegen die Hypothese, dass Matthäus nach Markus geschrieben worden sei. Die gleichen Argumente wie unter 13 gelten auch hier.

Schritt 15: Dass Markus nach Matthäus und Lukas verfasst wurde, stimmt mit dem frühesten und besten Beweismaterial zu dieser Frage überein [9]. Clemens von Alexandria sagt, er habe von den Älteren gehört, dass die Evangelien mit Genealogien älter seien als die ohne. Clemens schrieb dies um die Mitte des zweiten Jahrhunderts. Die Aussage des Clemens hat umso mehr Beweiskraft, als sie aus Ägypten stammt, wo Markus eine große Rolle gespielt hat. Auch Justinian zitiert das Markusevangelium bereits sehr früh, zwischen 100 und 125.

Schritt 16: Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass Matthäus nach der Zeit der alten palästinensischen christlichen Gemeinde verfasst wurde, aber dennoch von Lukas übernommen wurde, und Markus folgt sowohl auf Matthäus als auch auf Lukas und hat oft deren jeweilige Texte kombiniert. Dies erfordert natürlich eine ausführliche Analyse, und Farmer gibt dafür eine Reihe von Regeln vor:

1. Jene Form der Überlieferung, die von außerhalb Palästinas stammt und nichtjüdischen Ursprungs ist, muss als dem Material aus Palästina, das aus jüdischer Hand stammt, untergeordnet angesehen werden.

2. Spezifischere Überlieferungen (zum Beispiel Personennamen) sind jüngeren Ursprungs.

3. Textmaterial, das eher redaktionelle Erläuterungen liefert und dazu dient, die Überlieferung an die Bedürfnisse der Kirche anzupassen, ist sekundär.

4. Wenn eine Überlieferung Wörter und Sätze enthält, die mit einer Schreibweise übereinstimmen, die in einem anderen Evangelium vorkommt, ist dieses Evangelium gegenüber einer Form, in der solche Sätze und Wörter fehlen, zweitrangig. So können auch Begriffe und Wörter in einem späteren Evangelium auftauchen, die eigentlich aus der ersten Redaktion stammen und nicht so sehr aus der Schreibweise der sekundären Redaktion.

Das Buch „The Gospel of Jesus“

In „The Gospel of Jesus“ (1994) gibt Farmer eine für Laien zugängliche Zusammenfassung seines Buches von 1964 [10]. Darüber hinaus geht er ausführlich auf die Konsequenzen für das kirchliche Leben und die Verkündigung im Sinne der Zwei-Quellen-Theorie ein. Diese Konsequenzen laufen darauf hinaus, dass die Gemeinde dazu angehalten wird, ihre eigenen Quellen nicht mehr ernst zu nehmen. Einige dieser Textbeispiele führen wir hier an, um die oben genannten, möglicherweise etwas abstrakt anmutenden Regeln für die Auslegung der Evangelien anhand der Texte selbst zu veranschaulichen.

18Johannes erfuhr von seinen Jüngern von all diesen Ereignissen.
Er rief zwei seiner Jünger zu sich
19und sandte sie zum Herrn, um ihn zu fragen:
Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen Warten?“
20Als die Männer zu ihm kamen, sagten sie: „Johannes der Täufer schickt uns, um dich zu fragen: ‚Bist du der, der kommen sollte, oder sollen wir auf einen anderen warten?‘“
21Gerade da heilte er viele Menschen von Krankheiten und allerlei Leiden und von bösen Geistern und gab zahlreichen Blinden das Augenlicht zurück.
22Er antwortete: „Sagt Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen und Gelähmte gehen, Menschen, die durch eine Hautkrankheit unrein sind, werden gereinigt und Taube hören, Tote werden auferweckt und den Armen wird die frohe Botschaft verkündet.
23Glücklich ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“

24Als die Boten des Johannes weggegangen waren, begann er vor der Menge über Johannes zu sprechen: „Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu sehen? Das Schwanken des Schilfs im Wind?
25Was habt ihr denn gesehen? Einen Menschen, der sich in prächtige Gewänder hüllt? Nein, denn wer edle Kleidung trägt und in Luxus lebt, wohnt in einem Palast.
26Was habt ihr denn gesehen? Einen Propheten? Ja, das sage ich euch, und sogar mehr als einen Propheten.
27Er ist derjenige, über den geschrieben steht:
„Seht, ich sende meinen Boten
vor dir her,
er wird einen Weg
für dich bereiten.“
28Ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist niemand größer als Johannes; doch im Reich
Gottes ist der Geringste noch größer als er.
29(Alle Menschen, die auf ihn gehört haben, auch die Zöllner, haben Gottes Gerechtigkeit anerkannt, denn sie haben sich von Johannes taufen lassen.)
30Aber die Pharisäer und Schriftgelehrten haben den Plan Gottes verworfen: Sie haben sich nämlich nicht von ihm taufen lassen.
31Womit soll ich denn die Menschen dieser Generation vergleichen, wem gleichen sie?
32Sie gleichen Kindern, die auf dem Marktplatz sitzen und einander zurufen:
Als wir für euch auf der Flöte spielten, wolltet ihr nicht tanzen,
als wir ein Klagelied sangen, wolltet ihr nicht
trauern.“
33Denn Johannes der Täufer ist gekommen, er isst kein Brot und trinkt keinen Wein, und ihr sagt: „Er ist von einem Dämon besessen.“
34Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt wohl, und
ihr sagt: „Seht doch, was für ein Vielfraß, was für ein Trinker, dieser Freund der Zöllner und Sünder.“
35Und doch hat die Weisheit durch all ihre
Kinder Recht bekommen.“
Lukas 7:18-35

Der unterstrichene Text ist im Griechischen in Lukas und Matthäus wörtlich identisch. Dort, wo die Unterstreichung unterbrochen ist, wird zwar dasselbe Wort verwendet, jedoch in einer anderen Konjugation oder Deklination. Dreiundsechzig Prozent des Textes von Matthäus werden wörtlich in Lukas übernommen. Es steht zudem in derselben Reihenfolge. Es muss also übernommen worden sein. Hat Lukas es als einer gemeinsamen Quelle Q übernommen? Es handelt sich hier um eine Erzählung. Nach Ansicht der Anhänger von Q besteht Q nur aus Worten Jesu, nicht aus Erzählungen. Das ist hier also keine Lösung. Lukas muss es daher von Matthäus übernommen haben [11].

Der einzige Vers aus dieser Passage im Lukas-Evangelium, der auch im Markus-Evangelium zu finden ist, ist Vers 27. Dieser Text ist eine Verbindung aus Maleachi 3,1 und Exodus 23,20.

Es gibt einige kleine Unterschiede in der Art und Weise, wie die verschiedenen Evangelien diesen Text wiedergeben. Hier eine etwas mehr wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen:

Siehe, ich werde meinen Boten vor deinem Angesicht her senden,
der den Weg für dich bereiten wird.
Matthäus 11,10

Siehe, [ich] werde meinen Boten vor deinem Angesicht her senden,
der dir den Weg bereiten wird.
Lukas 7,27

Siehe, [ich] werde meinen Boten vor deinem Angesicht her senden,
der dir den Weg bereiten wird.
Markus 1,2

Markus hat diesen Worten als Einleitung hinzugefügt: „Wie bei dem Propheten Jesaja geschrieben steht:“, und er erwähnt Maleachi daher überhaupt nicht. Lukas und Markus lassen das Wort „ich“ weg – das liegt daran, dass es eigentlich überflüssig ist, denn im Hebräischen lässt sich dies bereits an der Form des Verbs erkennen. Der zweite Unterschied besteht darin, dass Markus die Worte „ für dich“ weglässt. Es ist dann doch sehr zufällig, dass Matthäus und Lukas beide diese Worte enthalten, während man nach der Zwei-Quellen-Theorie annehmen müsste, dass sie den Text von Markus abgeschrieben haben. Das ließe sich noch damit erklären, dass sie ihn beide in einer gemeinsamen Quelle Q vorfanden. Doch das genügt nicht. Denn sowohl Matthäus als auch Lukas stellen dieses Wort von Markus in einen anderen Kontext als Markus, und zwar in einen Kontext, in den es hervorragend passt. Kurz gesagt, es liegt viel näher, das Gegenteil anzunehmen: Markus hat den Text in der Verbindung zwischen Maleachi und Jesaja aus Lukas und Matthäus übernommen und Worte über Jesaja hinzugefügt, wobei er wahrscheinlich gar nicht bemerkt hat, dass darin auch noch ein Verweis auf Maleachi enthalten war.

Markus fügt also Worte aus Jesaja hinzu:

3Eine Stimme ruft in der Wüste:
„Bereitet den Weg des Herrn,
macht seine Pfade gerade!“
Markus 1,3

Farmer erklärt das Ganze anhand von Bibelzitaten wie folgt: Lukas hat Matthäus 11,2–19 übernommen und etwas erweitert. Auch das aus Maleachi und Jesaja zusammengesetzte Zitat hat er aus Matthäus übernommen. Markus, der auch das Wort „ich“, das im Griechischen überflüssig ist, weglässt, folgt seinerseits Lukas. Markus fügt zudem das Wort aus Jesaja 40,3 hinzu, um Johannes den Täufer näher zu charakterisieren. Alle Daten in diesen Texten lassen sich auf der Grundlage der Zwei-Evangelien-Theorie leicht erklären, während die Zwei-Quellen-Theorie sehr komplizierte Umwege gehen und Annahmen treffen muss, die nicht verifiziert werden können.

Die wörtliche Übereinstimmung zwischen Lukas und Matthäus ist in den Worten Jesu am stärksten ausgeprägt. An bestimmten Stellen gibt es jedoch auch große Unterschiede in der Formulierung. Hier ein Beispiel dafür:

„Die Schriftgelehrten und Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt.
3Haltet euch also an alles, was sie euch sagen, und tut es; aber handelt nicht nach ihren Taten, denn sie tun selbst nicht, was sie euch vorgeben.
4Sie bündeln alle Vorschriften zu einer schweren Last und legen sie den Menschen auf die Schultern, während sie selbst keinen Finger rühren, um sie zu erleichtern.
5Alle ihre Taten dienen nur dazu, von den Menschen gesehen zu werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breiter und verlängern die Quasten an ihren Gewändern,
6sie begehren Ehrenplätze bei Festmahlen und in den Synagogen,
7und legen Wert darauf, auf dem Marktplatz ehrerbietig gegrüßt
und von den Menschen Rabbi genannt zu werden.
Matthäus 23,2–7

46„Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die so gern in kostbaren Gewändern umhergehen und auf dem Marktplatz ehrerbietig gegrüßt werden wollen und einen Ehrenplatz in den Synagogen und bei Festmahlen begehren:
47Sie verschlingen die Häuser der Witwen und sprechen zum Schein lange Gebete. Über sie wird strenger gerichtet werden als über andere!“
Lukas 20,46-47

Alle Gelehrten, so Farmer, sind sich einig, dass Matthäus hier am ursprünglichsten ist. Man darf auch annehmen, dass die Leser des Lukas nicht viel über die jüdischen Bräuche wussten, wie das „machen ihre Gebetsriemen breiter“ und das Verlängern der Quasten an der Kleidung. In strikter Übereinstimmung mit den Gesetzen im Exodus und Deuteronomium trugen fromme Juden aufgerollte Texte aus dem Gesetz am Körper. Davon wussten die zugewanderten Gemeindemitglieder aus den Völkern bei Lukas und Paulus nur wenig. Also macht Lukas daraus einfach „teure Gewänder“ (eigentlich wörtlich „lange Gewänder“). Davon wissen diese griechischen und römischen Gemeindemitglieder wiederum alles, denn auch die Reichen im Römischen Reich pflegten solche Praktiken. Dies deutet also darauf hin, dass Lukas Matthäus nachgeordnet ist, nicht umgekehrt [12].

Wie ist Markus mit diesem Textabschnitt umgegangen?

38Während seiner Lehre sagte er: „Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die so gerne in kostbaren Gewändern umhergehen und auf dem Marktplatz ehrerbietig gegrüßt werden wollen,
39und einen Ehrenplatz in den Synagogen und bei Festmahlen begehren:

40Sie verschlingen die Häuser der Witwen und sprechen zum Schein lange Gebete. Über sie wird strenger gerichtet werden als über andere!“
Markus 12,38–40

Wiederum zeigt die Unterstreichung die Übereinstimmung an, diesmal zwischen Markus und Lukas. Die unterbrochene Unterstreichung weist auf eine andere Form desselben Wortes hin. Markus erklärt öfter jüdische Bräuche oder jüdische Redewendungen. Das deutet darauf hin, dass seine Leser damit nicht vertraut waren. Hier ein bekanntes Beispiel:

1Da kamen Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem zu Jesus. Sie fragten ihn:
2„Warum übertreten deine Jünger die Überlieferungen unserer Vorfahren? Sie waschen sich nicht die Hände, bevor sie ihr Brot essen.“
Matthäus 15,1–2

1Auch die Pharisäer und einige der Schriftgelehrten, die aus Jerusalem gekommen waren, hielten sich in seiner Nähe auf.
2Und als sie sahen, dass einige Jünger mit unreinen Händen, das heißt mit ungewaschenen Händen, Brot aßen
3[denn die Pharisäer und alle anderen Juden essen nämlich erst, wenn sie sich die Hände gewaschen haben, weil sie sich an die Tradition ihrer Vorfahren halten,
4und wenn sie vom Markt kommen, essen sie erst, wenn sie sich ganz gewaschen haben, und es gibt noch allerlei andere Traditionen, an die sie sich halten, wie das Reinigen von Bechern, Krügen, Kesseln und Betten]…
Markus 7,1–4

Der Abschnitt in eckigen Klammern wird oft als spätere Hinzufügung angesehen. Diese wäre dann für spätere griechisch-römische Leser gedacht, die diese Information benötigten. Es könnte auch sein, dass eine Anmerkung in einer früheren Version in den Rand geschrieben wurde und später in den Text gelangte. Theoretisch ist das möglich. Aber alle überlieferten Abschriften des Markus enthalten diese „Hinzufügung“ . Sie muss also von sehr früherem Datum sein. Das ist ein Problem für alle Theorien, die von der Annahme ausgehen, dass das Markusevangelium das älteste ist. Wenn Markus das älteste ist, warum hätte Matthäus dies dann nicht übernommen? Auch an anderer Stelle erklärt er seinen Lesern hebräische Ausdrücke.

Die oben genannten Passagen stellen zwar keinen schlüssigen Beweis für die Auffassung dar, dass Markus nach Lukas kommt. Man kann auch andere Hypothesen als Erklärung heranziehen. Doch, so Farmer, mit der Zwei-Evangelien-Hypothese in der Hand lässt sich ein umfassendes Netz von Hinweisen feststellen, dass diese Hypothese stützt, ohne allerlei zusätzliche Annahmen [13]. Dieses Netz von Hinweisen findet man, indem man die Literatur durchschlägt, auf die in diesem Artikel verwiesen wird. Es erfordert zwar einige Recherche, aber nach einer Weile erkennt man dieses Netzwerk von Verweisen.

[1] Farmer, W.R., 1964. The Synoptic Problem – a critical review of the problem of the literary relationships between Matthew, Mark, and Luke”, McMillan, New York.
[2] Farmer 200.
[3] Griesbach J.J. 1774–1775. Synopsis evangeliorum Matthaei, Marci et Lucae (später erweitert zu Synopsis evangeliorum Matthaei, Marci, Lucae et Johannis), Owen, H., 1764. Observations on the Four Gospels; Tending Chiefly, to Ascertain the Times of Their Publication; and to Illustrate the Form and Manner of Their Composition. Bei einem Besuch in England hat Griesbach offenbar das Buch von Owen erworben und gelesen – es wurde nach seinem Tod in seiner Bibliothek gefunden.
[4] Farmer 202.
[5] Farmer 213.
[6] Farmer 216.
[7] Farmer 221.
[8] Farmer 223.
[9] Farmer 226.
[10] Farmer W.R., 1994. The Gospel of Jesus; The Pastoral Relevance of the Synoptic Problem, Wipf & Stock.
[11] Man kann natürlich auch annehmen, dass doch einige Erzählungen in diese Quelle Q gelangt sind. Viele Gelehrte schlagen unterschiedliche Definitionen und Herangehensweisen hinsichtlich des möglichen Inhalts dieser Quelle Q vor. Aber durch all diese Art von Annahmen – siehe die Kritik von Goulder – kann man zwar immer eine Theorie aufstellen und stimmig machen, doch dadurch macht man sich unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit vorgeblich unangreifbar. Man kann immer wieder eine zusätzliche Annahme treffen, und schon ist die Geschichte wieder stimmig.
[12] Farmer, ebenda, 33.
[13] Farmer spricht hier von „evidence“, es handelt sich um „evidence“, nicht um „proof“, denn es geht nicht um Mathematik, Farmer ebenda 35.